Lila oder ein Versuch über Moral, von Robert M. Pirsig

»Lila ist für mich wie ein zweites Kind, von dem ich am meisten erwarte. Zen war wie ein erstes Kind, und vielleicht ist es immer das am meisten geliebte. Doch wenn die Menschen diese beiden Bücher noch in hundert Jahren lesen sollten, dann werden sie Lila, da bin ich ganz sicher, für das wichtigere halten.«

ROBERT M. PIRSIG

Wie schon ›Zen‹ ist auch ›Lila‹ eine Mischung aus Roman, Autobiographie und Philosophie, eine Mischung, die sich letztendlich jeglicher literarischen Einordnung und Etikettierung entzieht. War ersteres ein Versuch über die Werte, ist dies nun ein Versuch über Moral. ›Lila‹ ist eine bewegende, fesselnde, dabei einfach erscheinende Geschichte des heutigen Lebens, die den Leser herausfordert, tröstet und verzaubert.

Robert M. Pirsig, geb. 1928 in Minneapolis, studierte an der University of Minnesota Chemie, Philosophie und Journalismus und schließlich auch östliche Philosophie an der Hindu-Universität in Benares. ›Zen‹ wurde ein internationaler Bestseller.

Der Autor erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter 1979 den American Academy and Institute of Arts and Letter Award.

Unsere Adresse im Internet: www.fischerverlage.de

 

 

Robert M. Pirsig


LILA
ODER EIN VERSUCH
ÜBER MORAL

Roman

Aus dem Amerikanischen von
Hans Heinrich Wellmann

 

 

Fischer Taschenbuch Verlag

 

 

Ungekürzte Ausgabe
Veröffentlicht im Fischer Taschenbuch Verlag,
einem Unternehmen der S. Fischer Verlag GmbH,
Frankfurt am Main, Juli 2006

Lizenzausgabe mit freundlicher Genehmigung
der S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main
© 1992 S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main
ISBN–13: 978–3–596–17169–9
ISBN–10: 3–596–17169–5

 

 

FÜR WENDY UND NELL

 

 

TEIL EINS
123456789101112131415
TEIL ZWEI
1617181920212223
TEIL DREI
242526272829303132

TEIL EINS

 

 

9

1

Lila wußte nicht, daß er hier war. Sie schlief fest, offenbar eingebunden in einen Traum, der ihr Angst machte. In der Dunkelheit hörte er das Knirschen ihrer Zähne und fühlte, wie ihr Körper sich plötzlich umdrehte, als sie eine Gefahr abwehrte, die nur sie selbst sehen konnte.

Das Licht, das durch das Luk oben fiel, war so trübe, daß es alle vielleicht vorhandenen Spuren der Kosmetik und des Alters verbarg, und sie sah jetzt engelhaft aus, wie ein kleines Mädchen mit blonden Haaren, breiten Wangenknochen, einer kleinen Stupsnase und dem typischen Mädchengesicht, das so vertraut erschien, daß man es nicht ohne eine gewisse Rührung betrachten konnte. Er hatte das Gefühl, daß sie, wenn der Morgen kam, ihre himmelblauen Augen aufschlagen würde, strahlend vor Aufregung über die Aussicht auf einen neuen Tag mit Sonnenschein und lächelnden Eltern und Schinkenspeck, der vielleicht auf dem Herd brutzelte, einen Tag voller Glück.

Aber so würde es nicht sein. Wenn Lilas Augen sich mit einem glasigen Blick öffneten, würde sie in die Züge eines grauhaarigen Mannes schauen, an den sie sich nicht einmal mehr erinnern konnte – jemand, den sie letzte Nacht in einer Bar kennengelernt hatte. Ihre Übelkeit und ihre Kopfschmerzen würden vielleicht so etwas wie Reue und Selbstverachtung in ihr aufsteigen lassen, aber nicht viel, dachte er – sie hatte das schon oft durchgemacht –, und sie würde langsam versuchen herauszufinden, wie sie zu dem Leben zurückkehren könnte, das sie geführt hatte, bevor sie diesen Mann getroffen hatte.

Ihre Stimme murmelte so etwas wie »Paß auf!« Dann sagte sie etwas Unverständliches und drehte ihm den Rücken zu; dann zog sie sich die Decke über den Kopf, vielleicht, um sich vor dem kalten Luftzug zu schützen, der durch das offene Luk drang. Die Koje des Segelboots war so schmal, daß diese Drehung ihres Körpers sie wieder gegen ihn preßte, und er spürte ihr Gewicht und dann ihre Wärme. Ein früheres Verlangen wurde wieder wach, und er legte seinen Arm um sie, so daß seine Hand ihre Brust 10umschloß – voll, doch zu weich, wie etwas Überreifes, das bald verderben wird.

Er wollte sie aufwecken und wieder in sie eindringen, aber als er daran dachte, stieg ein trauriges Gefühl in ihm hoch und hinderte ihn daran. Je länger er zögerte, desto mehr wuchs die Traurigkeit. Er wünschte, sie besser zu kennen. Er hatte die ganze Nacht ein Gefühl gehabt, als ob er sie schon einmal gesehen hätte, vor langer Zeit.

Dieser Gedanke schien alles zu verdichten. Jetzt wurde die Traurigkeit überstark und vermischte sich mit der Dunkelheit der Kajüte und mit dem trüben indigofarbenen Licht aus dem Luk oben. Dort oben waren Sterne, eingerahmt von der Öffnung des Luks, so daß sie sich mit dem Schaukeln des Bootes zu bewegen schienen. Ein Teil des Orions verschwand für einen Augenblick, bevor er wieder erschien. Bald würden die Sternzeichen des Winters zurückkommen.

Das Geräusch von Wagen, die in der Ferne über eine Brücke fuhren, drang klar durch die kalte Nachtluft. Sie waren auf dem Weg nach Kingston, irgendwo oben auf den Klippen über dem Hudson. Das Boot hatte über Nacht auf dem Weg nach Süden in diesem kleinen Fluß hier angelegt.

Es war nicht mehr viel Zeit. Die Bäume am Flußufer trugen kaum noch Grün. Viele der verfärbten Blätter waren bereits abgefallen. In den letzten Tagen waren kalte Windböen von Norden durch das Flußtal gefegt, hatten die Blätter von den Zweigen in plötzlich aufsteigenden, roten und kastanienbraunen und goldenen Spiralen über das Wasser des Flusses um das Boot gewirbelt, als es den mit Bojen markierten Kanal hinunterfuhr. Es waren kaum andere Boote im Kanal gewesen. Die wenigen Boote, die an den Stegen des Flußufers lagen, machten einen verlassenen und verlorenen Eindruck, jetzt, wo der Sommer vorbei war und ihre Eigner sich anderen Beschäftigungen zugewandt hatten. Überall waren die V-Formationen der Enten und Gänse zu sehen gewesen, die mit dem nördlichen Wind aus der kanadischen Arktis in den Süden flogen. Viele von ihnen mußten noch Küken gewesen sein, als er im Binnenmeer des Lake Superior die Segel gesetzt hatte, jetzt tausend Meilen hinter ihm und, wie ihm schien, tausend Jahre entfernt.

11

Es war nicht mehr viel Zeit. Als er gestern das erste Mal an Deck ging, rutschte er aus und fand sein Gleichgewicht wieder, und dann sah er, daß das ganze Boot mit Eis bedeckt war.

Phaidros fragte sich, wo er Lila schon gesehen hatte, aber er wußte es nicht. Doch er mußte sie schon einmal gesehen haben. Es war ebenfalls im Herbst gewesen, dachte er, im November, und es war sehr kalt. Er erinnerte sich, daß die Straßenbahn fast leer gewesen war – bis auf ihn und den Fahrer und den Schaffner und Lila und ihre Freundin, die drei Sitze hinter ihm saßen. Die Sitze waren aus gelbem Rohrgeflecht, hart und strapazierfähig, so daß sie Jahre hielten; und dann waren einige Jahre später Busse eingesetzt worden, und all die Schienen und Oberleitungen und Straßenbahnen waren verschwunden.

Er erinnerte sich, daß er sich drei Filme hintereinander angesehen und zu viele Zigaretten geraucht und fürchterliche Kopfschmerzen gehabt hatte und daß die Straßenbahn noch eine halbe Stunde über die Schienen holpern würde, bevor er aussteigen konnte, und dann würde er noch anderthalb Blocks durch die Dunkelheit laufen müssen, ehe er nach Hause kam, und dort würde er ein paar Aspirin nehmen, und es würde anderthalb Stunden dauern, ehe sie ihre Wirkung taten. Dann hörte er die beiden Mädchen laut kichern, und er drehte sich um, um zu sehen, was los war. Sie hielten unvermittelt inne und sahen ihn auf eine Weise an, die nur die Deutung zuließ, daß er selbst es war, über den sie kicherten. Er hatte eine große Nase und eine schlechte Haltung und war nicht gerade das, was man eine imposante Erscheinung nennt, und er fand nur schwer Kontakt zu anderen Menschen. Die links Sitzende, die so aussah, als hätte sie am lautesten gelacht, war Lila. Dasselbe Gesicht, genau – goldenes Haar und zarter Teint und blaue Augen –, mit einem aufgesetzten Lächeln, das wohl darüber hinwegtäuschen sollte, daß sie über ihn lachte. Sie stiegen zwei Häuserblocks später aus, immer noch miteinander redend und lachend.

Ein paar Monate später sah er sie in einer zur Hauptverkehrszeit durch die Straßen der Innenstadt drängenden Menschenmenge wieder. Es war nur ein Augenblick, und dann war es vorbei. Sie drehte sich nach ihm um, und er sah an ihrem Blick, daß sie ihn wiedererkannte. Sie schien stehenzubleiben und darauf zu warten, 12daß er irgend etwas tat, irgend etwas sagte. Aber er tat nichts. Er hatte nicht die Gabe, schnell mit den Leuten Kontakt aufzunehmen, und dann war es irgendwie zu spät, und jeder von ihnen ging weiter, und er fragte sich noch lange an jenem Nachmittag – und noch Tage danach –, wer sie war und wie es gewesen wäre, wenn er auf sie zugegangen wäre und etwas gesagt hätte. Im nächsten Sommer glaubte er sie am Badestrand im südlichen Teil der Stadt zu sehen. Sie lag im Sand, so daß er ihr Gesicht verkehrt herum sah, als er vorbeiging, und plötzlich war er sehr aufgeregt. Diesmal würde er nicht einfach herumstehen. Diesmal würde er etwas tun, und er nahm seinen ganzen Mut zusammen und ging zurück und stellte sich vor ihr in den Sand, und dann sah er, daß die rechte Gesichtshälfte, auf die er von oben herabblickte, nicht Lila gehörte. Es war jemand anders. Er erinnerte sich, wie traurig er war. Er hatte damals niemanden, dem er sich verbunden fühlte.

Aber das war so lange her – Jahre. Sie mußte sich verändert haben. Es war unmöglich, daß dies dieselbe Person war. Und er kannte sie überhaupt nicht. Was für einen Unterschied machte es? Warum sollte er sich nach all diesen Jahren an einen so unbedeutenden Zwischenfall erinnern?

Diese halbvergessenen Bilder sind seltsam, dachte er, wie Träume. Diese schlafende Lila, die er erst heute nacht kennengelernt hatte, war auch jemand anders. Vielleicht nicht jemand anders, genaugenommen, aber jemand, der weniger speziell, weniger individuell war. Da ist Lila, dieser einzelne, unverwechselbare Mensch, der jetzt neben ihm schlief, der geboren wurde und jetzt lebte und sich in seinen Träumen hin- und herwarf und bald genug sterben wird, und dann gibt es jemand anders – nennen wir sie Lila –, der unsterblich ist, der eine Zeitlang Lila bewohnt und dann weiterzieht. Die schlafende Lila, die er erst heute nacht getroffen hatte. Aber die wachende Lila, die nie schläft, hatte ihn beobachtet, und er hatte sie beobachtet – seit langem.

Es war so seltsam. Während der ganzen Zeit, da er den Kanal heruntergekommen war und eine Schleuse nach der anderen passiert hatte, hatte sie dieselbe Reise gemacht; aber er wußte nicht, daß sie da war. Vielleicht hatte er sie in den Schleusen von Troy gesehen, hatte in der Dunkelheit zu ihr hinübergeblickt, sie aber nicht wahrgenommen. Auf seiner Karte waren dicht hintereinander 13eine Reihe von Schleusen verzeichnet; aber sie gaben nicht die Höhen über dem Meeresspiegel an, und sie gaben nicht an, wie verwirrend die Dinge sein können, wenn man die Entfernungen falsch berechnet und die vorgesehene Zeit überschritten hat und erschöpft ist. Erst als er die Schleusen tatsächlich erreicht hatte, geriet er in unmittelbare Gefahr, als er versuchte, die grünen Lichter und roten Lichter und weißen Lichter und die Lichter der Schleusenwärter-Häuschen und die Lichter der anderen Boote, die ihm entgegenkamen, und die Lichter von Brücken und Strompfeilern und Gott weiß, was sonst dort in der Dunkelheit lag, voneinander zu unterscheiden, da er mitten in der Dunkelheit nicht zusammenstoßen oder auf Grund gehen wollte. Er kannte diese Schleusen nicht und glaubte sich zu erinnern, daß er sie mitten in dieser Anspannung, in der er sich befand, auf einem anderen Boot gesehen hatte.

Sie kamen vom Himmel herab. Nicht nur dreißig, vierzig oder fünfzig Fuß, sondern Hunderte von Fuß. Ihre Boote kamen durch die Nacht herab vom Himmel, wo sie die ganze Zeit gewesen waren, ohne es zu wissen. Als das letzte Tor der letzten Schleuse sich öffnete, sahen sie auf einen dunklen, öligen Fluß. Der Fluß strömte unter einer riesigen Trägerbrücke hindurch auf undeutlich in der Ferne flimmernde Lichter zu. Das war Troy, und sein Boot fuhr darauf zu, bis die beiden Flüsse sich vereinigten und das Boot heftig zu gieren begann. Dann steuerte er mit voller Motorkraft gegen die Versetzung an und hielt auf einen Pontonanleger am anderen Ufer zu.

»Wir haben hier eine Flut von vier Fuß«, sagte der Aufseher.

Flut, hatte er gedacht. Das hieß, er hatte die Höhe des Meeresspiegels erreicht. Das hieß, daß all die Schleusen der Binnengewässer hinter ihm lagen. Nun bestimmte nur noch die Bahn des Mondes über das Meer, ob das Boot flußauf oder flußab getragen wurde. Die ganze Fahrt nach Kingston hinunter vermittelte dieses Gefühl, ohne Grenzen mit dem Meer verbunden zu sein, ihm ein ganz neues Raumgefühl.

Der Raum war wirklich das, worum es bei der ganzen Segelei eigentlich ging, und an diesem Abend in einer Bar neben dem Anleger hatte er versucht, mit Rigel und Capella darüber zu sprechen. Rigel schien müde und mit anderen Dingen beschäftigt und 14uninteressiert zu sein, aber Bill Capella, der sein Vorschotmann war, war voller Begeisterung und schien zu wissen, was er meinte.

»Wie in Oswego«, sagte Capella. »Die ganze Zeit, als wir darauf warteten, daß die Schleuse geöffnet würde, und uns darüber beschwerten, daß wir nicht weiterkamen, haben wir mehr Spaß gehabt als je zuvor in unserem Leben.«

Phaidros hatte Rigel und Capella kennengelernt, als der Regen eines September-Hurrikans das Wasser des Kanals über die Ufer treten ließ und Bojen und Dalben mit Treibgut überschwemmte, so daß der ganze Kanal zwei Wochen lang geschlossen werden mußte. Die Boote, die von den Great Lakes herunterkamen, machten fest, und ihre Crews hatten nichts zu tun. Plötzlich war Raum im Leben jedes einzelnen. Eine Lücke hatte sich unvermutet im Fluß der Zeit aufgetan. Alle reagierten darauf zunächst mit einem Gefühl der Frustration. Herumzusitzen und nichts zu tun war einfach schrecklich. Die Sportsegler waren mit sich selbst beschäftigt und wollten nicht eigentlich mit den anderen reden; aber jetzt hatten sie nichts Besseres zu tun, als auf ihren Booten herumzusitzen und sich Tag für Tag mit den anderen zu unterhalten. Nicht oberflächlich. Tiefgründig. Bald besuchten sie einander auf ihren Booten. Überall wurden Partys gefeiert, gleichzeitig, die ganze Nacht hindurch. Die Leute aus der Stadt begannen sich für all die festliegenden Boote zu interessieren, und einige von ihnen schlossen Bekanntschaften mit den Seglern. Nicht oberflächlich. Tiefgründig. Und noch mehr Partys wurden gefeiert.

Und so verwandelte sich dieses Desaster, diese Katastrophe, die jeder zunächst beklagte, genau zu dem, was Capella als mehr Spaß in ihrer aller Leben bezeichnet hatte. Das, was alle so glücklich machte, war der Raum.

Bis auf Rigel, Capella und Phaidros war der Laden fast leer gewesen. Es war nur eine kleine Kneipe mit einigen Billardtischen am anderen Ende des Raumes, einer Bar in der Mitte gegenüber der Tür und mehreren schmutzigen Tischen dort, wo sie saßen. Sie ließ jeden Stil vermissen. Und doch fühlte man sich hier wohl. Nichts störte den Raum, den jeder um sich geschaffen hatte. Das war es. Es war nur eine Bar, die eine Bar war, ohne großartige Ideen.

15

»Ich glaube, es ist der Raum, der es macht«, hatte er zu Rigel gesagt.

»Was meinst du?« fragte Riegel.

»Mit dem Raum?«

Rigel warf ihm einen kurzen Blick zu. Trotz des fröhlich gestreiften Hemds und der Pudelmütze, die er trug, schien Rigel unglücklich über etwas zu sein, über das er nicht reden wollte. Vielleicht lag es daran, daß er die Fahrt nur gemacht hatte, um sein Boot unten in Connecticut zu verkaufen.

Um sich nicht auf einen Streit einzulassen, hatte Phaidros vorsichtig zu Rigel gesagt: »Ich glaube, das, was wir uns mit diesen Booten kaufen, ist Raum, Leere, das Nichts … weites, offenes Wasser … und die Weite der Zeit, ohne etwas tun zu müssen … Das ist viel Geld wert. Das findet man kaum noch.«

»Schließ dich in dein Zimmer ein und mach die Tür zu«, hatte Rigel gesagt.

»Das geht nicht«, hatte er geantwortet. »Das Telefon klingelt.«

»Nimm es nicht ab.«

»UPS klopft an die Haustür.«

»Wie oft? Du brauchst nicht aufzumachen.«

Rigel legte es einfach darauf an, sich zu streiten. Capella mischte sich ins Gespräch, nur aus Spaß. »Die Nachbarn nehmen es in Empfang«, sagte Capella.

»Dann kommen die Kinder nach Hause und stellen den Fernseher an.«

»Sag ihnen, sie sollen ihn leiser stellen«, sagte Capella.

»Dann bist du bei ihnen unten durch.«

»Okay, dann ignorier sie einfach«. sagte Capella.

»Okay, in Ordnung, gut. Nun. Was passiert mit jemandem, der in einem abgeschlossenen Zimmer sitzt und das Telefon nicht abnimmt und sich weigert, die Haustür aufzumachen, wenn jemand klopft, selbst wenn die Kinder zu Hause sind und den Fernseher angestellt haben?«

Sie dachten darüber nach und lächelten schließlich.

Das Gesicht des Barkeepers war völlig gelangweilt gewesen, als sie hereingekommen waren. Er hatte kaum etwas zu tun. Aber seit ihrem Eintreffen waren vier oder fünf weitere Gäste gekommen. Er sprach mit zwei von ihnen, Stammgästen, wie es schien, 16die den Laden kannten und sich völlig zwanglos benahmen. Die anderen hielten Billardqueues in der Hand, offensichtlich von einigen Tischen im angrenzenden Zimmer.

»Es gibt keinen Raum«, sagte Rigel. Er wollte immer noch streiten. »Wenn du von hier wärst, wüßtest du es.«

»Was meinst du?«

»Es gibt hier keinen Raum«, wiederholte Rigel. »Es ist alles mit Geschichte angefüllt. Es ist jetzt alles tot, aber wenn du diese Gegend kenntest, würdest du sehen, daß es keinen Raum gibt. Alles ist voll von alten Geheimnissen. Jeder verheimlicht hier etwas.«

Er fragte Rigel: »Was für Geheimnisse?«

»Nichts ist so, wie es zu sein scheint«, sagte Rigel. »Dieser kleine Fluß hier, weißt du, wohin er führt? Man möchte annehmen, daß er ein paar hundert Meter nach der Biegung da hinten zu Ende ist, nicht? Was glaubst du, wie lang du diesen kleinen Fluß hinunterfahren kannst, bevor er aufhört?«

Zwanzig Meilen, schätzte Phaidros.

Rigel lächelte: »Früher konnte man mit ihm bis ans Ende der Welt kommen«, sagte er. »Er geht bis unten zum Atlantik. Er war mit einem Kanal verbunden, der über die Berge bis runter nach Delaware führte. Man hat die Kohle den ganzen Weg von Pennsylvania hier auf Schleppkähnen runtergeschafft. Mein Urgroßvater war in dem Geschäft. Er hat sein Geld in allen möglichen Unternehmen hier investiert. Und nicht schlecht dabei verdient.«

»So ist deine Familie von hier«, sagte Phaidros.

»Seit kurz nach der Revolution«, sagte Rigel. »Wir sind erst vor etwa dreißig Jahren hier weggezogen.«

Phaidros dachte, daß Rigel noch etwas sagen wollte, aber er schwieg.

Ein kalter Luftzug traf sie, als die Tür geöffnet wurde und mehrere Leute eintraten. Einer von ihnen winkte Rigel zu. Rigel nickte zurück.

»Kennst du ihn?« fragte Phaidros.

»Er ist aus Toronto«, sagte Rigel.

»Wer ist es?«

»Wir sind einmal in einer Regatta gegeneinander angetreten», sagte Rigel. »Es sind alles Kanadier. Sie kommen immer zu dieser Zeit herunter.«

17

Einer der Kanadier trug einen roten Pullover, ein zweiter eine blaue Schiffermütze, die er sich auf den Hinterkopf geschoben hatte, und ein dritter ein hellgrünes Jackett. Die Art, in der sie sich zusammen bewegten, zeigte, daß sie einander sehr gut kannten, aber zum erstenmal hier waren. Sie hatten etwas Aushäusiges an sich, wie eine zu einem Gastspiel eingetroffene Hockey-Mannschaft.

Jetzt erinnerte er sich, daß er sie schon einmal gesehen hatte, in Oswego auf einem großen Boot mit dem Namen Karma; sie hatten einen etwas cliquenhaften Eindruck gemacht.

»Sie benehmen sich so, als ob sie nicht viel von all dem hier halten«, sagte Capella.

»Sie wollen nur nach Süden«, sagte Rigel.

»Aber sie haben etwas an sich«, sagte Capella. »Als ob sie nicht billigen, was sie hier sehen.«

»Nun, das billige ich ihnen zu«, sagte Rigel.

»Was meinst du damit?« fragte Capella.

»Es sind Leute mit Prinzipien«, sagte Rigel. »Wir könnten etwas davon gebrauchen.«

Einer der Kanadier, der die Jukebox-Auswahl studiert hatte, drückte einige Knöpfe; Glühlampen leuchteten auf und ließen ihr Licht durch den Raum kreisen.

Der Lärm traf sie wie ein Schlag. Der Lautsprecher war auf volle Stärke gestellt. Phaidros versuchte, Capella etwas zu sagen. Capella legte die Hand ans Ohr und lachte. Phaidros warf die Hände hoch, und beide lehnten sich zurück, hörten zu und tranken ihr Ale.

Es waren noch mehr Leute hereingekommen, und jetzt war der Laden gedrängt voll: eine Menge Ortsansässiger, wie es aussah, doch sie schienen sich mit den Seglern gut zu verstehen, als ob sie einander kannten. Bei all dem Ale und dem Lärm und der freundlichen Kumpanei entwickelte sich so etwas wie eine richtige kleine Fete. Er trank, hörte zu und beobachtete, wie die Lichtflecken aus der Jukebox über die Decke kreisten.

Seine Gedanken begannen abzuschweifen. Er dachte an das, was Rigel gesagt hatte. Der Osten war ein anderes Land. Der Unterschied war schwer zu beschreiben – man fühlte ihn mehr, als daß man ihn sah.

18

Die Architektur des Hudsontales vermittelte eine gewisse »Currier and Ives«-Stimmung, ein Gefühl, das Assoziationen an jene Bilddrucke aus der Mitte des 19. Jahrhunderts weckte, in denen ein langsames, anständiges, ordentliches Leben, ein Leben vor der Industriellen Revolution, seinen Ausdruck gefunden hatte. Minnesota, von wo Phaidros kam, hatte nie Anteil an diesem Leben gehabt. Es bestand damals hauptsächlich aus Wäldern, Indianern und Blockhäusern.

Auf dem Wasserweg Amerika zu durchqueren war wie eine Reise zurück in die Zeit, bei der man sehen konnte, wie es früher einmal gewesen sein mußte. Er folgte alten Handelsrouten, die man vor dem Bau der Eisenbahn benutzt hatte. Es war erstaunlich, daß bestimmte Abschnitte dieses Flusses immer noch so aussahen, wie die alte Hudson-River-Schule sie in ihren Bildern gezeigt hatte, mit herrlichen Wäldern und fernen Bergen.

Während das Boot nach Süden fuhr, hatte er gespürt, wie die gesellschaftliche Struktur sich veränderte, besonders an den alten Herrenhäusern, die zahlreicher geworden waren. Ihr Stil entfernte sich immer mehr von dem des Grenzlandes. Sie rückten immer näher an Europa heran.

Zwei der Kanadier an der Bar waren ein Mann und eine Frau, die so eng zusammensaßen, daß kein Brieföffner zwischen ihnen Platz gehabt hätte. Als die Musik aufhörte, wies Phaidros unauffällig Rigel und Capella auf die beiden hin. Der Mann hatte seine Hand auf die Schenkel der Frau gelegt, und die Frau lächelte und trank, als ob nichts geschehen sei.

»Phaidros fragte Rigel: »Sind das deine Kanadier mit Prinzipien?«

Capella lachte.

Rigel blickte kurz hinüber und sah ihn dann mit einem Stirnrunzeln an. »Es gibt zwei Arten«, sagte er. »Die einen mißbilligen dieses Land wegen des ganzen Schunds, den sie hier finden, und die anderen lieben dieses Land wegen all des Schunds, den sie hier finden.«

Er deutete mit einer Kopfbewegung auf die beiden hin und wollte etwas sagen; aber dann begann die Musik wieder zu spielen, und die Lichter leuchteten auf, und er warf die Hände hoch, und Capella lachte, und sie lehnten sich wieder zurück.

19

Nach einer Weile begann es kalt zu werden. Die Tür war offen. Eine Frau stand dort und ließ ihre Augen durch den Raum wandern, als suche sie jemanden.

Jemand rief: »TÜR ZU!«

Die Frau und Rigel sahen einander lange an. Es schien, als ob er derjenige sei, nach dem sie suchte, aber dann suchte sie weiter.

»TÜR ZU!« rief jemand anders.

»Sie meinen dich, Lila«, sagte Rigel.

Offensichtlich hatte sie gefunden, was sie suchte, denn plötzlich veränderte sich ihr Gesichtsausdruck. Sie sah wütend aus und schlug die Tür mit aller Gewalt zu.

»Ist es SO recht?« rief sie.

Rigel sah sie ausdruckslos an und wandte sich dann wieder dem Tisch zu.

Die Musik hörte auf. Phaidros fragte augenzwinkernd: »Ist sie eine von denen, die uns lieben?«

»Nein, sie ist gar keine Kanadierin«, sagte Rigel.

Phaidros fragte: »Wer ist sie?«

Rigel antwortete nicht.

»Woher kommt sie?«

»Habe nichts mit ihr zu schaffen«, sagte Rigel.

Plötzlich war der Raum wieder von dröhnendem Lärm erfüllt.

»TAKE A BREAK! …« plärrte der Lautsprecher.

Die bunten Lichter zuckten wieder durch den Raum.

»LET'S GET TOGETHER! …«

»ME AND YOU! …«

Capella hob fragend ein Glas hoch, um zu sehen, ob jemand noch Ale haben wollte. Phaidros nickte, und Capella ging fort.

»AND DO THE THING …«

»AND DO THE THING …«

»THAT WE LIKE …«

»TO DO! …«

Rigel sagte etwas, aber Phaidros konnte ihn nicht verstehen. Der große Kanadier mit der umherwandernden Hand und seine Freundin waren auf der Tanzfläche. Er beobachtete sie eine Weile, und wie zu erwarten, waren sie gut.

»DO A LITTLE DANCE …«

»MAKE A LITTLE LOVE …«

20

»GET DOWN TONIGHT …«

Sinnlich. Kurze, rhythmische Ausbrüche. Eine schwarze Predigt, aus dem Ghetto.

Er sah Lila an, die jetzt allein an der Bar saß. Etwas an ihr fesselte seine Aufmerksamkeit. Sex vermutlich, dachte er.

Sie hatte das übliche billige Make-up: blondes gefärbtes Haar, rote Fingernägel, nichts Originelles, nur alles ein bißchen ordinär. Man hatte das Gefühl, bei ihr richtig zu liegen, wenn man an das eine dachte, an das alle bei ihr dachten. Aber es gab etwas in ihrem Gesichtsausdruck, das fast explosiv wirkte.

Als die Musik aufhörte, verließen der sexy aussehende Kanadier und seine Freundin die Tanzfläche. Sie sahen Lila und blieben fast abrupt stehen, dann gingen sie langsam auf die Bar zu. Dann sah Phaidros, daß sie etwas zu ihnen sagte, und die drei erstarrten plötzlich in ihren Bewegungen. Der Mann drehte sich um und sah tatsächlich aus, als ob er vor etwas Angst habe. Er löste sich von seiner Freundin und wandte sich Lila zu. Er mußte es gewesen sein, nach dem sie gesucht hatte. Er sagte etwas zu ihr, und sie sagte etwas zu ihm, und dann nickte er und nickte ein zweites Mal. Dann sahen er und das Mädchen sich an und gingen zur Bar, und keiner sagte etwas zu Lila. Die Umstehenden nahmen nach und nach ihre Unterhaltung wieder auf.

Das Ale begann bei Phaidros seine Wirkung zu tun. Doch sein Kopf war seltsam klar.

Er betrachtete Lila eingehender: Sie hatte die Beine übereinandergeschlagen, und der Rock war ihr über die Knie gerutscht. Breite Hüften. Schimmernde Satin-Bluse, V-Ausschnitt und stramm von einem Gürtel gehalten. Darunter zeichnete sich eine Büste ab, von der man nur schwer die Augen abwenden konnte. Es war eine herausfordernde Vulgarität, etwa in der Art Mae Wests. Sie hatte eine gewisse Ähnlichkeit mit Mae West. »Komm näher und tu etwas, wenn du den Mumm dazu hast«, schien sie zu sagen.

Ein paar obszöne Gedanken schossen ihm durch den Kopf. Was immer durch diese Signale ausgelöst wurde, lag nicht an einem Mangel an Originalität. Es war sein Drüsensystem, das auf diese Signale reagierte. Er war lange allein auf dem Wasser gewesen.

»DO A LITTLE DANCE …«

21

»MAKE A LITTLE LOVE …«

»GET DOWN TONIGHT …«

»GET DOWN TONIGHT …«

»Kennst du sie?« rief er Rigel zu.

Rigel schüttelte den Kopf. »Habe nichts mit ihr zu schaffen!«

»Wo kommt sie her?«

»Aus der Gosse!« sagte Rigel.

Rigel blickte ihn mit zusammengekniffenen Augen an. Er hielt heute abend mit seiner Meinung nicht hinterm Berg.

Die Tür öffnete sich, und weitere Leute kamen herein. Capella kehrte mit Bierdosen beladen zurück.

»DO A LITTLE DANCE …«

»MAKE A LITTLE LOVE …«

Capella brüllte Phaidros ins Ohr: »NETT. RUHIG. FEINER LADEN, DEN WIR UNS DA AUSGESUCHT HABEN!!!«

Phaidros nickte mehrmals und lächelte.

Er sah, wie Lila mit einem der anderen Männer an der Bar zu reden begann, und der Mann schien freundlich zu antworten. Aber die anderen hielten sich mit unbewegtem Gesicht auf Distanz, als ob sie vor etwas auf der Hut seien.

»DO A LITTLE DANCE …«

»MAKE A LITTLE LOVE …«

»GET DOWN TONIGHT …«

»GET DOWN TONIGHT …«

»GET DOWN TONIGHT …«

Er fragte sich, ob er den Mumm habe, zu ihr zu gehen und mit ihr zu reden.

»BABY!«

Der Wunsch dazu war da, verdammt nochmal.

Er nahm sich Zeit und trank sein Ale aus. Die Entspannung durch den Alkohol und die Spannung durch das, was vor ihm lag, hielten einander genau die Waage in einem Gleichgewicht, das ihm das Gefühl gab, stocknüchtern zu sein; aber er war es nicht. Er beobachtete sie lange, und sie wußte, daß er sie beobachtete, und er wußte, daß sie wußte, daß er sie beobachtete; und er wußte, daß sie wußte, daß er wußte – in einer Art Regression, wie sie entsteht, wenn zwei Spiegel sich gegenüberstehen und die Bilder sich immer wieder bis ins Unendliche fortsetzen.

22

Dann nahm er seine Bierdose und setzte sich neben sie an die Bar.

Am Bartresen drang ihr Parfüm durch die Tabak- und Alkoholdünste.

Nach einer Weile drehte sie sich um und blickte ihn an. Das Gesicht unter dem Make-up war maskenhaft, doch ein leises Lächeln zeigte, daß sie sich freute, als ob sie schon lange darauf gewartet habe.

Sie sagte: »Wo hab ich dich schon gesehen?«

Ein Klischee, dachte er. Aber es gab eine Etikette für solche Begegnungen. Tja. »Wo hab ich dich schon gesehen?« Er versuchte, sich an die Etikette zu erinnern. Er war eingerostet. Die Etikette verlangte, daß man über die Orte sprach, an denen man sich gesehen haben konnte, und über Leute, die man kannte, und das führte in fortschreitender Intimität zu weiteren Gesprächsgegenständen. Und er versuchte, sich an einige Orte zu erinnern, über die er mit ihr reden könnte, als er sie ansah – und mein Gott, sie war es, die in der Straßenbahn, und sie fragte: »Wo hab ich dich schon gesehen?« Und da dämmerte es ihm.

Er konzentrierte sich auf ihr Gesicht, aber es war nicht das Gesicht, von dem das Leuchten ausging. Es war, als ob er ihr Gesicht auf einem Bildschirm sähe und das Licht vom Bildschirm ausginge.

Mein Gott, sie war es wirklich, nach all diesen Jahren.

»Bist du auf einem Boot?« sagte sie.

Er bejahte ihre Frage.

»Bist du mit Richard Rigel zusammen?«

»Du kennst ihn?« fragte er.

»Ich kenne viele Leute«, sagte sie.

Der Barkeeper brachte die Ales, die er bestellt hatte, und er bezahlte für sie.

»Bist du in Richards Crew?«

»Nein. Mein Boot liegt neben seinem. Bei all den Booten, die hier zugleich eingelaufen sind, gibt's nirgends mehr Platz.«

Wo bist du die ganze Zeit gewesen? wollte er fragen, aber sie würde nicht wissen, wovon er sprach. Warum bist du damals in der Menschenmenge verschwunden? Hast du da auch über mich gelacht? Etwas über Boote. Er sollte etwas über Boote sagen.

23

»Wir sind von Oswego zusammen die Kanäle runtergekommen«, sagte er.

»Warum hab ich dich dann nicht gesehen?« sagte Lila.

Du hast mich schon vorher gesehen, dachte er; aber jetzt war das Licht verschwunden, und ihre Stimme klang nicht so, wie er immer gedacht hatte, daß sie klingen würde, und sie war jetzt nur eine Fremde wie all die anderen.

Sie sagte: »Ich hab Richard in Rom und Amsterdam gesehen, aber ich hab dich nicht gesehen.«

»Ich bin nicht mit ihm an Land gegangen. Ich bin auf meinem Boot geblieben.«

»Bist du allein?«

»Ja.«

Sie sah ihn mit einem fragenden Ausdruck in den Augen an und sagte dann: »Bitte mich an euren Tisch!«

Dann sagte sie so laut, daß die anderen es hören konnten: »Ich kann das Pack an dieser Bar nicht ausstehen!« Aber die beiden, für die es bestimmt war, sahen sich nur wissend an und blickten nicht einmal zu ihr hinüber.

Rigel war verschwunden, als sie an den Tisch traten, aber Capella begrüßte Lila mit lautem Hallo, und sie ließ ein breites Lächeln aufblitzen.

»Wie geht's dir, Bill?«

Capella sagte okay.

»Wo ist Richard?« fragte sie.

»Er ist Billard spielen gegangen«, sagte Capella.

Sie sah Phaidros an und sagte: »Richard ist ein alter Freund.«

Es gab eine Pause, als er darauf nicht antwortete.

Dann fragte sie ihn, wie weit er fahre.

Phaidros sagte, er wisse es noch nicht.

Lila sagte, sie wolle über den Winter nach Süden.

Sie fragte ihn, woher er komme, und Phaidros sagte, aus dem Mittelwesten. Sie interessierte sich nicht besonders dafür.

Er sagte ihr, er habe jemanden wie sie schon einmal im Mittelwesten gesehen, aber sie sagte, sie sei noch nie dort gewesen. »Viele Leute sehen so aus wie ich«, sagte sie.

Nach einer Weile stand Capella auf und ging an die Bar. Er war allein mit ihr, konfrontiert mit einer Art Leere. Etwas mußte gesagt 24werden, aber er wußte nicht, was er sagen sollte. Er merkte, daß es sie auch verlegen zu machen begann. Er war nicht ihr »Typ«; sie fing an, das einzusehen, aber das Ale half. Es verwischte die Unterschiede. Genügend Ale, und alles reduzierte sich auf reine Biologie, wo es auch hingehörte.

Nach einer Weile fragte Lila ihn, ob er mit ihr tanzen wolle. Er sagte, er tanze nicht, und so saßen sie einfach nur da. Aber dann gingen der große Kanadier und seine Freundin auf die Tanzfläche und begannen wieder zu tanzen. Sie waren gut. Ihre Bewegungen waren wirklich aufeinander abgestimmt, doch als Phaidros zu Lila hinübersah, hatte sie denselben Blick wie vorhin, als sie hereingekommen war.

Wieder lag etwas Explosives in ihrem Gesichtsausdruck. »Der Hurensohn!« sagte sie. »Er ist mit mir gekommen. Er hat mich zu diesem Trip eingeladen! Und nun ist er mit ihr zusammen. Mein Gott, das macht mich einfach fertig.«

Dann begann die Musik wieder, und die Discolichter rotierten, und Lila sah ihn auf eigenartige Weise an. Es war nur ein kurzer Blick, und das Discolicht wanderte weiter, aber in eben diesem Moment bemerkte er, wie schön ihre hellblauen Augen waren. Sie paßten nicht zu der Art, wie sie sprach, auch nicht zu ihrem übrigen Äußeren. Seltsam. Vergessen. Sie waren wie die Augen eines Kindes.

Die Bierdosen waren leer, und er bot ihr an, neue zu holen, aber sie sagte: »Komm, laß uns tanzen!«

»Ich bin nicht gut«, sagte er.

»Das macht nichts«, sagte sie. »Laß dich nur von deinem Gefühl leiten. Ich paß mich an.«

Er tat, was sie sagte, und sie paßte sich ihm an, und er war überrascht. Sie fingen an, sich irgendwie zu drehen. Rund und rund im Kreis mit den Discolichtern, während sie sich mehr und mehr von der Bewegung tragen ließ.

»Du bist besser, als du meinst«, sagte sie.

»GET DOWN TONIGHT …«

»GET DOWN TONIGHT …«

Er merkte, daß die Leute sie beobachteten; aber alles, was er sah, war Lila und waren die Lichter, die sich rund und rund um sie drehten.

25

Rund und rund. Und rund und rund – rot und blau und rosa und orange und golden. Sie waren überall im Raum, die Lichter, und sie wanderten über die Decke, und manchmal schienen sie ihr ins Gesicht, und manchmal schienen sie ihm in die Augen – rot und rosa und golden.

DO A LITTLE DANCE …

MAKE A LITTLE LOVE …

GET DOWN TONIGHT …

GET DOWN TONIGHT …

Die Zweifel waren verflogen, verdrängt von dem Ale und der Musik und dem Parfüm Lilas, und ihre hellen Augen sahen ihn mit jenem seltsamen Blick an, der fragte: Bist du der eine? Und ohne es auszusprechen, sagte er ihr: Ja, ich bin der eine, und diese Antwort sprach sich in seinen Armen und seinen Händen aus, wo er sie spürte, und dann in ihrem Körper, wo sie sie spürte; und sie begann, ihren Ärger zu vergessen, und er begann, seine Verlegenheit zu vergessen.

DO A LITTLE DANCE …

MAKE A LITTLE LOVE …

GET DOWN TONIGHT …

GET DOWN TONIGHT …

Einmal kam der Kanadier zu ihnen und wollte sie trennen. Lila befahl ihm, »Leine zu ziehen«, und an einer Veränderung ihres Körpers spürte er, wie gut ihr das tat. Danach wußten sie beide, daß etwas entschieden war, jedenfalls für diesen Abend, und darüber hinaus dachte keiner von ihnen.

Er konnte sich kaum mehr daran erinnern, wie er mit ihr in sein Boot gekommen war. Er erinnerte sich nur noch an den hämmernden Rhythmus der Musik und an diesen fragenden Blick ihrer hellblauen Augen und daran, wie sie ihn, hier auf der Koje, umarmt und sich an ihn geklammert hatte wie eine Ertrinkende, die um ihr Leben kämpft.

DO A LITTLE DANCE …

MAKE A LITTLE LOVE …

GET DOWN TONIGHT …

GET DOWN TONIGHT …

Er begann, müde zu werden.

Es ist so seltsam, dachte er. Das ganze Theater, all die Tricks und 26Lügen und Versprechungen, um sie ins Bett zu kriegen, und man strengt sich an, und nichts passiert. Und dann kommt jemand wie diese hier, und man bemüht sich gar nicht besonders, und dann ist sie es, neben der man aufwacht.

Es ergibt überhaupt keinen Sinn, dachte er schläfrig … überhaupt keinen Sinn. Und die Melodie ging ihm weiter durch den Kopf – wieder und wieder, bis er einschlief.

DO A LITTLE DANCE …

MAKE A LITTLE LOVE …

GET DOWN TONIGHT …

GET DOWN TONIGHT …

 

 

2

Als Phaidros erwachte, sah er durch das Luk, daß der Himmel weniger dunkel war. Der Morgen dämmerte.

Dann merkte er, daß er nicht allein war. Ein Körper lag zwischen ihm und dem Passiergang, der ihn physisch daran hinderte, die Koje zu verlassen. Es war Lila, erinnerte er sich.

Er sah, daß er sich mit einigem Geschick durch das offene Luk winden konnte, um an Deck zu kommen und die Kajüte wieder durch das Cockpit zu betreten.

Er richtete sich vorsichtig auf und gelangte durch das Luk, ohne sie zu stören.

Gut gemacht.

Das kalte Deck unter seinen Füßen weckte ihn wirklich auf. Er konnte kein Eis fühlen, aber das Kajütdeck aus Fiberglas war kalt genug. Es half ihm, sich von den Alkoholdünsten in seinem Kopf zu befreien. Nichts bereitete einen so gut auf den kommenden Tag vor, als mit bloßen Füßen auf einem überfrorenen Boot herumzulaufen.

Alles war jetzt so ruhig. Die Morgendämmerung hatte eben erst eingesetzt, so daß er die Biegung des Flusses in der Ferne kaum erkennen konnte. Fast nicht zu glauben, was Rigel gesagt hatte: daß hinter dieser Biegung ein mit Kohle beladener Schleppkahn bis ans Meer fahren konnte.

Er trat an die Reling und prüfte die Leinen, die hinüber zu Rigels 27Boot liefen. Sie hatten sich etwas gelockert, und er zog eine der Vorleinen und dann alle Leinen an. Er hätte es schon tun müssen, bevor er ins Bett ging. Er war zu betrunken gewesen, um sich um solche Einzelheiten zu kümmern.

Er sah sich um und ließ sich trotz der Kälte von dem geheimnisvollen Licht der Dämmerung gefangennehmen. Einige andere Boote waren nach ihm eingelaufen und hatten vor und hinter seinem Boot festgemacht. Möglicherweise war eines von ihnen das, mit dem Lila gekommen war. Der Hafen machte einen verwahrlosten und schmutzigen Eindruck, ließ jedoch an einigen Stellen etwas von seiner vornehmen Vergangenheit ahnen. Pseudo-viktorianisch, aber nicht übel. In der Ferne erhoben sich ein Kran und andere Masten. Der Hudson River war nicht zu sehen.

Es war ein gutes Gefühl, keinerlei Verbindung zu diesem Hafen zu haben. Er wußte nicht, was hinter dem Ufer oder hinter den Hafengebäuden lag oder wohin die Straßen führten oder wem die Häuser gehörten oder was für Leute heute herkommen und welche Leute sie treffen würden. Es war wie ein Bilderbuch, und er war wie ein Kind, das es betrachtete und darauf wartete, daß die nächste Seite umgeschlagen würde.

Die Kälte zerbrach den Zauber. Er hatte eine Gänsehaut. Er ging zurück zum Heck, hängte mit einem Arm die Baumstütze aus und schlug sein Wasser im Fluß ab. Dann ging er zum Cockpit, schob den schweren Lukendeckel aus Teakholz zurück und ließ sich mit jener Geschmeidigkeit hinuntergleiten, die man durch einen vertraut gewordenen Bewegungsablauf gewinnt. Es war eine Geschmeidigkeit, die er sich mühevoll angeeignet hatte. Als er das Boot bekommen hatte, bewegte er sich darin wie in einem Haus, rutschte auf Dieselöl aus, fiel kopfüber die Treppe zum Niedergang hinunter und brach sich ein Schlüsselbein. Inzwischen hatte er gelernt, sich wie ein Klammeraffe zu bewegen, besonders bei Sturm, wenn das ganze Boot sich aufbäumte und stampfte und rollte wie ein fliegendes Trapez.

In der Kammer tastete er sich zu der Deckenbeleuchtung vor und knipste sie an. Die Dunkelheit füllte sich sogleich mit vertrautem Teak und Mahagoni.

Er ging weiter in die Vorderkajüte und fand seine Kleider in der Koje Lila gegenüber. Sie hatte sich offensichtlich auf die andere 28Seite gerollt, als er sie verlassen hatte. Ihre schattenhafte Gestalt sah von dieser Seite fast genauso aus wie vor einigen Minuten von der anderen.

Er schloß die Tür der Vorderkajüte und ging in die Hauptkajüte, wo er ein hölzernes Schapp öffnete, seinen alten braunen Sweater herausnahm und sich überzog. Als er die Schublade zurückschob, durchbrach das Einschnappen des Schlosses die Stille. Er ging zurück zum Niedergang und schob den schweren Lukendeckel zu.

Der Raum brauchte etwas Wärme.

Neben der Treppe fand er auf dem Kartentisch Streichhölzer und Alkohol. Er füllte behutsam eine Tasse mit Alkohol, trug sie zu einem kleinen, neben dem Schott am anderen Ende der Kajüte aufgestellten Kohleofen und goß den Alkohol über die in ihm gestapelten Holzkohlebriketts. Am Bilderbuchufer dort draußen geschah alles durch Zauberei. Dort erhielt man Wärme und elektrischen Strom, ohne auch nur einen Gedanken darauf verschwenden zu müssen. Aber in dieser kleinen schwimmenden Welt mußte man alles, was man brauchte, selbst erzeugen.

Er zündete ein Streichholz an, warf es hinein und sah zu, wie der Alkohol verpuffte und den Ofen mit einer blassen, hellvioletten Flamme durchflackerte. Er war froh, daß er den Ofen gestern mit Briketts gefüllt hatte. Er hätte jetzt keine Lust dazu gehabt … War es erst gestern? Es schien eine Woche her zu sein …

Er schloß die Ofenklappe, betrachtete sie kurz, bis er aus den Augenwinkeln einen riesigen Koffer entdeckte, den er nie zuvor gesehen hatte.

Wie ist der hierhergekommen, fragte er sich.

Es war nicht sein Koffer.

Lila mußte ihn mitgebracht haben.

Er dachte darüber nach, während er mit einem anderen Streichholz die kardanisch aufgehängte Petroleumlampe anzündete. Er drehte den Docht hoch, bis die Flamme die richtige Höhe hatte. Dann knipste er die Deckenbeleuchtung aus und setzte sich auf die Koje unter der Lampe, den Rücken gegen einen zusammengerollten Schlafsack gelehnt.

Er vermutete, daß er so etwas wie ein Abkommen mit ihr getroffen hatte, damit sie an Bord kam, sonst hätte sie diesen Koffer nicht mitgebracht.

29

Jetzt erhellte die Petroleumlampe das Holz und die Bronze und das Messing und die Stoffteile der Kajüte, und die unsichtbare Glut der Wärme aus dem Kohleofen, der jetzt leise knackende Geräusche von sich gab, drang in den Raum. Behaglichkeit breitete sich aus.

Wenn nur nicht der Koffer gewesen wäre. Was jetzt in seine Erinnerung zurückkehrte, verscheuchte das Behagen. Er erinnerte sich, daß sie den Koffer auf Rigels Boot fallengelassen hatte. Richtig fallengelassen. Als sie über das Bootsdeck gingen, um an Bord zu kommen, hatte er sich umgedreht und sie gebeten, leise zu sein. Sie hatte geschrien: »Sag du mir nicht, daß ich leise sein soll!« – mit einer Stimme, die im ganzen Hafen zu hören gewesen war.

Es kam jetzt alles zurück: Wie sie zu ihrem Boot gegangen waren, wie er gewartet hatte, als sie ihre Sachen zusammenpackte, während sie den »verdammten Gauner George« beschimpfte und seine »Hure. Debbie.«

Oh-oh.

Doch so schlimm konnte es nicht kommen, dachte er. Zwei Tage in Manhattan, und sie würde verschwunden sein. Keine Angst.

 

Er sah, daß ihr Koffer all seine Karteikästen an ein Ende der Lotsenkoje geschoben hatte. Sie waren für ein Buch bestimmt, an dem er arbeitete, und einer der vier langen Karteikästen ragte über den Rand der Koje, so daß er jederzeit herunterfallen konnte. Das hätte mir gerade noch gefehlt, dachte er, etwa dreitausend Notizzettel im Zehn-mal-fünfzehn-Zentimeter-Format über den ganzen Boden verstreut.

Er stand auf und arretierte den Schieber in den Kästen, damit die Zettel nicht herausfallen konnten. Dann schob er sorgfältig die Kästen hinten auf die Koje, wo sie sicherer waren. Dann ging er zurück und setzte sich wieder hin.

Es wäre leichter für ihn, den Verlust des ganzen Bootes zu verschmerzen als den Verlust dieser Zettel. Es gab etwa elftausend von ihnen. Sie waren in fast vierjähriger Arbeit entstanden, und er hatte sie in dieser Zeit so oft geordnet und neu geordnet und wieder neu geordnet, daß er es nicht über sich gebracht hätte, noch einmal von vorn zu beginnen. Er hatte ohnehin bereits aufgeben wollen.

30

Sie alle befaßten sich mit einem gemeinsamen Thema, das er eine »Metaphysik der Qualität« oder auch eine »Metaphysik des Werts« oder auch, um Zeit zu sparen, einfach »MdQ« nannte.

Die Häuser dort draußen am Ufer waren eine Welt, und diese Zettel waren eine andere. Diese »Zettel-Welt« war eine Welt für sich, und er hatte sie fast schon einmal verloren, da er nichts davon niedergeschrieben hatte und Ereignisse eintraten, die seine Erinnerung daran zerstörten. Nun hatte er das meiste davon auf diesen Zetteln rekonstruiert, und er wollte sie nicht noch einmal verlieren.

Aber vielleicht war es gut, daß er sie fast verloren hatte, denn jetzt, bei ihrer Rekonstruktion, strömte ihm alles mögliche neue Material zu – so viel, daß er vor allem damit beschäftigt war, es zu verarbeiten, bevor es seinen Kopf so vollstopfte, daß er sich nicht mehr davon befreien konnte. Jetzt war der Hauptzweck der Zettel nicht mehr, ihm zu helfen, sich zu erinnern. Sie sollten ihm helfen zu vergessen. Das hörte sich widersprüchlich an, aber ihr Zweck war es, ihm den Kopf freizuhalten und all die Ideen der vergangenen vier Jahre auf dieser Lotsenkoje abzulagern, wo er nicht mehr an sie zu denken brauchte. Das war es, was er wollte.

Es gibt einen alten Vergleich mit einer Tasse Tee. Wenn man frischen Tee trinken will, muß man den alten Tee, der noch in der Tasse ist, loswerden, sonst fließt die Tasse über und richtet eine Überschwemmung an. Ein Kopf ist wie diese Tasse. Er hat eine begrenzte Aufnahmefähigkeit, und wenn man etwas über die Welt erfahren will, muß man ihn leerhalten, um solche Erfahrungen machen zu können. Es ist leicht, sein ganzes Leben damit zu verbringen, alten Tee in der Tasse zu verrühren und ihn für unübertrefflich zu halten, da man nie wirklich etwas Neues probiert hat, da man nie etwas hinzufügen kann, da das alte Zeugs dem Neuen den Zufluß verwehrt, da man überzeugt ist, daß das alte Zeugs so gut ist, da man nie etwas Neues versucht hat … und so weiter in einem endlosen Kreis.

Der Grund, weswegen Phaidros Zettel und nicht großformatige Blätter verwendete, war der, daß ein Karteikasten mit Zetteln leichteren Zugriff gewährt. Wenn Informationsmaterial in kleinen Brocken geordnet wird, die jederzeit zugänglich sind und neu geordnet werden können, ist es von größerem Wert, als wenn es in 31fortlaufender Form zur Verfügung steht. So ist es beispielsweise besser, ein Postamt so zu organisieren, daß die Kunden mehrere numerierte Schalter vorfinden und zu jeder ihnen beliebigen Zeit an diese Schalter herantreten können. Nicht so gut ist es, wenn sie alle zu gleicher Zeit kommen und sich anstellen müssen, um sich ihre Post von Joe aushändigen zu lassen, der jedesmal den ganzen Stapel von Briefen in alphabetischer Reihenfolge durchsehen muß und der Rheumatismus hat, in einigen Jahren pensioniert wird und dem es egal ist, ob seine Kunden warten müssen oder nicht. Wenn ein Verteilersystem in rigider sequentieller Form organisiert ist, erzeugt es Joes, die darüber bestimmen, was zu ändern ist und was nicht; und diese Rigidität ist tödlich.

Einige der Zettel befaßten sich tatsächlich mit diesem Thema: beliebiger Zugriff und Qualität. Die beiden sind eng miteinander verwandt. Beliebiger Zugriff ist wesentlich für ein organisches Wachstum, das Zellen, wie Postämtern, eine relative Unabhängigkeit verleiht. Städte basieren auf beliebigem Zugriff. Demokratien gründen darauf. Das System der freien Marktwirtschaft, die Redefreiheit und das Wachstum der Wissenschaft basieren darauf. Bibliotheken sind wegen ihrer Kataloge zu einem der wirkungsvollsten Instrumente der Zivilisation geworden. Ohne Melvil Deweys Dezimalklassifikation, die es ermöglicht, die Anzahl der Karten im Hauptkatalog jederzeit größer oder kleiner werden zu lassen, würde eine Bibliothek bald veralten, unbenutzbar werden und sterben.

Und so unscheinbar diese Karteikästen äußerlich auch sein mochten, besaßen sie doch die verborgene Macht eines Katalogs. Dadurch, daß sie seinen Kopf freihielten und die sequentielle Ordnung auf ein Minimum beschränkten, gewährleisteten sie, daß keine frischen, neuen, unerforschten Ideen vergessen wurden oder verlorengingen. Es gab keine ideologischen Joes, die eine Idee abtöteten, da sie nicht in ihr gewohntes Denkmuster hineinpaßte.

Da er nicht von vornherein neue Ideen auf ihre Tauglichkeit abklopfte oder versuchte, sie in eine bestimmte Ordnung zu bringen, sondern sie einfach frei strömen ließ, kamen diese Ideen manchmal so schnell, daß er sie nicht rasch genug aufschreiben konnte. Das Generalthema, eine ganze Metaphysik, war so gewaltig, 32daß der Strom sich in eine Sintflut verwandelt hatte. Die Zettel dehnten sich in jede Richtung aus, und je mehr er sah, desto mehr sah er, was es zu sehen gab. Es war wie ein weit geöffneter Regler, der endlos Ideen einließ, mehr und mehr. Er sah, daß es Millionen Dinge zu lesen, Millionen Spuren zu verfolgen gab … zu viele … zu viele … Und nicht genug Zeit in einem Leben, alles auf die Reihe zu bringen. Eine Lawine.

Es hatte Augenblicke gegeben, in denen er den Drang verspürte, die Zettel Stapel um Stapel herzunehmen und sie oben auf die glühenden Briketts in den Kohleofen zu werfen, dann die Klappe zuzumachen und auf das Knacken des Metalls zu warten, wenn sie in Rauch aufgingen. Dann wäre alles weg, und er wäre wirklich wieder frei.

Aber er wäre nicht frei. Es würde immer als etwas Unerledigtes in seinem Kopf bleiben.

So verbrachte er den größten Teil seiner Zeit in einem Chaos und wußte, daß es immer schwieriger werden würde, Ordnung in die ganze Angelegenheit zu bringen, je länger er damit wartete. Aber er war überzeugt, daß früher oder später irgendein Ordnungsprinzip auftauchen würde, das um so besser wäre, je länger er wartete.

Es zeigte sich schließlich, daß diese Überzeugung berechtigt war. Es traten längere Zeitabschnitte ein, in denen er nur stundenlang dasaß, ohne daß die Zettel sich vermehrten – und damit, erkannte er, war endlich die Zeit zum Ordnen gekommen. Er freute sich, als er feststellte, daß die Zettel selbst ihm dieses Ordnen erleichterten. Anstatt zu fragen: »Wo beginnt die Metaphysik des Universums?« – eine an sich unstatthafte Fragestellung –, brauchte er nur zwei Zettel hochzuheben und zu fragen: »Welcher kommt zuerst?« Das war leicht, und er erhielt immer eine Antwort. Dann nahm er einen dritten Zettel auf, verglich ihn mit dem ersten und fragte abermals: »Welcher kommt zuerst?« Wenn der neue Zettel nach dem ersten kam, verglich er ihn mit dem zweiten. Damit hatte er eine Drei-Zettel-Ordnung. Er wiederholte den Vorgang mit jedem einzelnen Zettel.

Bald bemerkte er, daß gewisse Kategorien sich herausbildeten. Die ersten Zettel begannen sich um einen gemeinsamen Themenbereich zu gruppieren und spätere Zettel um einen anderen. 33Wenn genügend Zettel sich um ein Einzelthema gruppiert hatten und er das Gefühl hatte, daß es so bleiben würde, nahm er eine Karteikarte von der gleichen Größe wie die Zettel, setzte einen durchsichtigen Plastiktab darauf, schrieb das entsprechende Stichwort auf ein kleines Kärtchen, schob es in den Tab und legte die Karteikarte vor die unter diesem Stichwort geordneten Zettel. Die Kästen auf der Lotsenkoje enthielten inzwischen vier- oder fünfhundert solcher mit Tabs versehenen Karteikarten.

Verschiedentlich hatte er alles mögliche andere versucht: bunte Plastiktabs, welche die Stichworte noch einmal nach Untergruppen und Unter-Untergruppen ordneten; Reiter, die Gegenstände von gewisser Bedeutung kennzeichneten; mit einem Einschnitt markierte Zettel, um entweder den emotionalen oder den rationalen Aspekt ihres jeweiligen Gegenstandes erkennbar werden zu lassen. Aber alles das hatte eher zur Verwirrung beigetragen, und so hatte er sich entschlossen, solche Informationen anderswo unterzubringen.

Es war faszinierend zu beobachten, wie die Sache zu wachsen begann. Niemand, den er kannte, hatte es je unternommen, eine ganze Metaphysik niederzuschreiben, und es gab keine Regeln dafür, wie man so etwas anstellt, und keine Möglichkeit vorauszusagen, wohin sich die Sache entwickeln würde. Außer den Themenbereichen hatten sich fünf andere Kategorien herausgebildet, von denen Phaidros glaubte, daß sie äußerst wichtig seien.

Die erste war unverbunden. Sie enthielt neue Ideen, die nicht in Zusammenhang mit dem standen, was er gerade tat. Sie tauchten unvermittel auf, während er die anderen Zettel ordnete oder segelte oder auf dem Boot arbeitete oder sich mit etwas anderem beschäftigte, bei dem er nicht gestört werden wollte. Normalerweise sagte der Verstand zu diesen Ideen: »Geht weg, ich habe zu tun«; aber eine solche Einstellung ist tödlich für die Qualität. Der unverbunden-Stapel trug dazu bei, das Problem zu lösen. Phaidros sammelte die Zettel einfach, bis er Zeit und Lust hatte, sich mit ihnen näher zu beschäftigen.

Die nächste nicht themengebundene Kategorie hieß programm. programm-Zettel waren Instruktionen über das, was mit den übrigen Zetteln zu geschehen hatte. Sie behielten den Wald im Auge, während er sich mit den einzelnen Bäumen beschäftigte. Bei über 34zehntausend Bäumen, die danach strebten, sich auf hunderttausend zu erweitern, waren die programm-Zettel unerläßlich und durften auf keinen Fall verlorengehen.

Was diese Instruktionen so wertvoll machte, war die Tatsache, daß auch sie auf Zetteln standen, je eine auf einem Zettel. Das hieß, daß auch die programm-Zettel jederzeit zugänglich waren und, wenn es sich als nötig erwies, mühelos ausgewechselt oder neu geordnet werden konnten. Er hatte einmal gelesen, daß John von Neumann, einer der Erfinder des Computers, gesagt hatte, daß das, was einen Computer so effektiv macht, in nichts anderem zu suchen sei als darin, daß das Programm aus Daten besteht, die wie alle anderen Daten behandelt werden können. Das war ihm ein bißchen dunkel erschienen, als er es gelesen hatte, aber jetzt verstand er, was damit gemeint war.

Die nächsten Zettel waren die krit-Zettel. Sie waren für die Tage, an denen er in einer üblen Stimmung aufwachte und alles ihm falsch erschien. Er wußte aus Erfahrung, daß er es später bedauern würde, wenn er an solchen Tagen etwas wegwarf, und so gab er seinem Ärger nach, indem er alles das, was er vernichten wollte, und den Grund dafür auf einen Zettel schrieb. Die krit-Zettel legte er dann ab, um sie nach Tagen oder Monaten wieder hervorzuholen, wenn eine ruhigere Zeit gekommen war, die ihm eine unbefangenere Beurteilung ermöglichte.

Die vorletzte Gruppe war die vertrackt-Kategorie. Sie enthielt Zettel, auf denen etwas stand, das er für bedeutsam hielt, jedoch keinem der von ihm bereits aufgestellten Themenbereiche zuzuordnen war. Auf diese Weise verhinderte er, daß es auf einem Zettel verlorenging, dessen Platz erst später deutlich werden mochte.

Die letzte Kategorie war ramsch. Es waren Gedanken, die ihm als äußerst wertvoll erschienen waren, als er sie niederschrieb, mit denen er jetzt jedoch nichts mehr anfangen konnte. Gelegentlich waren sie Duplikate von Gedanken, die er bereits auf einem anderen Zettel notiert und vergessen hatte. Nur diese Duplikate warf er weg, aber nichts anderes. Er hatte immer wieder entdeckt, daß der Ramsch-Stapel eine Kategorie darstellte, mit der sich gut arbeiten ließ. Die meisten Zettel starben dort, aber einige erlebten eine Wiedergeburt, und einige dieser wiedergeborenen Zettel gehörten zu den wichtigsten, die er besaß.

35

Diese letzten beiden Stapel, ramsch und vertrackt waren tatsächlich die Stapel, die ihn am meisten beschäftigten. Sein Ordnungsprinzip war im Grunde darauf gerichtet, so wenige wie möglich von diesen Zetteln zu haben. Wenn sie auftauchten, mußte er den Wunsch bekämpfen, sie zu ignorieren, sie unter den Tisch fallen zu lassen, sie aus dem Fenster zu werfen, ihre Bedeutung herabzusetzen, sie zu vergessen. Sie waren die Underdogs, die Außenseiter, die Parias, die Sünder seines Systems. Aber er beschäftigte sich gerade deshalb so viel mit ihnen, weil er das Gefühl hatte, daß die Qualität und der Wert seines ganzen Ordnungssystems davon abhing, wie er mit ihnen umging. Wenn er die Parias gut behandelte, hatte er ein gutes System. Wenn er sie schlecht behandelte, hatte er ein schlechtes. Er konnte nicht zulassen, daß sie seine Bemühungen um Ordnung zunichte machten; aber er konnte auch nicht zulassen, daß sie in Vergessenheit gerieten. Sie waren einfach da, anklagend, und er mußte zuhören, was sie zu sagen hatten.

Die Hunderte von Gegenständen hatten sich zu größeren Abschnitten zusammengeschlossen, die Abschnitte zu Kapiteln und die Kapitel zu Teilen. So war das, was sich aus den einzelnen Zetteln herausbildete, der Inhalt eines Buches; aber es war ein Buch, das sich von unten nach oben und nicht von oben nach unten organisierte. Er hatte nicht mit einer Grundidee angefangen und dann nach Joe-Manier nur die Zettel ausgewählt, die dieser Idee entsprachen. In diesem Fall war »Joe«, das Ordnungsprinzip, demokratisch von den Zetteln selbst gewählt worden. Die ramsch- und vertrackt-Zettel hatten an dieser Wahl nicht teilgenommen, und das bereitete ihm ein geheimes Unbehagen. Aber er vertrat die Auffassung, daß ein perfektes Ordnungssystem weder möglich noch erstrebenswert ist. Er hatte den Ramsch-Stapel so klein wie möglich gehalten, ohne ihn willentlich zu unterdrücken; und das war alles, was man verlangen konnte.

Eine Beschreibung dieses Systems hörte sich viel einfacher an, als es tatsächlich war. Er geriet oft in eine Lage, in der die auftauchenden vertrackt-Zettel und ramsch-Zettel darauf hindeuteten, daß sein ganzes System falsch war. Einige Zettel paßten in zwei oder drei Kategorien, während andere Zettel überhaupt keiner Kategorie zuzuordnen waren; und er begann zu erkennen, 36daß er das ganze Ordnungsprinzip eigentlich niederreißen und ganz von vorn beginnen müßte, denn wenn er es nicht tat, würden der ramsch-Stapel und der vertrackt-Stapel und der krit-Stapel anfangen, ihn immer lauter anzuheulen, bis er es schließlich tat.

Das waren die schlechten Tage, aber manchmal ließ die neue Ordnung die ramsch-Stapel und die vertrackt-Stapel höher werden, als sie zu Anfang waren. Zettel, die in die alte Ordnung gepaßt hatten, paßten nicht mehr in die neue, und er mußte noch einmal von vorn anfangen und alles wieder so machen wie am Anfang. Das waren wirklich schlechte Tage.

Manchmal entwickelte er ein programm-Verfahren, das ihm gestattete, wieder von vorn anzufangen, aber während er daran arbeitete, erkannte er, daß das programm-Verfahren Modifizierungen erforderlich machte, und so machte er die erforderlichen Modifizierungen. Aber bei diesen Modifizierungen zeigte sich, daß diese Modifizierungen modifiziert werden mußten, und so begann er mit diesen Modifizierungen, bevor er erkannte, daß auch sie nicht genügten, und dann klingelte gewöhnlich das Telefon, und es war jemand am Apparat, der das Bedürfnis hatte, ihm etwas zu verkaufen oder ihm zu dem Buch zu gratulieren, das er gerade geschrieben hatte, oder ihn zu irgendeinem Vortrag zu bewegen. Es waren gewöhnlich wohlmeinende Anrufer, aber wenn er das Gespräch beendet hatte, saß er meist da und war völlig blockiert.

Er dachte, wenn er auf diesem Boot wäre und keine Leute zu sehen brauchte und genug Zeit hätte, würde alles besser werden, aber es hatte nicht so funktioniert, wie er gehofft hatte. Man wurde nur durch andere Dinge gestört. Ein Sturm kommt auf, und man muß sich um den Anker kümmern. Oder eine andere Yacht legt an, und die Leute wollen sich unterhalten. Oder unten am Pier findet eine Party statt … Immer etwas …

Er stand auf, ging hinüber zur Lotsenkoje, holte noch ein paar Holzkohlebriketts und warf sie in den Ofen. Es wurde jetzt angenehm warm.

Er hob einen der Karteikästen auf und betrachtete ihn. An der Vorderseite brach Rost durch die Farbe. Es gibt nichts aus Stahl, was auf einem Boot nicht zu rosten beginnt, selbst Nirosta nicht, und diese Kästen waren aus einfachem Stahlblech. Er würde neue 37machen müssen, aus festem Sperrholz und Leim, wenn er Zeit dafür hatte. Vielleicht wenn er nach Süden kam.

Dieser Kasten war der älteste, den er hatte. Er enthielt Zettel, die er sich seit über einem Jahr nicht mehr angeschaut hatte.

Er stellte ihn vor sich auf den Tisch.

Das erste Stichwort, ganz vorn, war dusenberry. Er las es mit Wehmut. Es gab eine Zeit, da er dachte, daß dusenberry den Mittelpunkt des ganzen Buches bilden würde.

Nach einer Weile nahm er einen leeren Notizblock aus dem hinteren Teil des Kastens und schrieb auf das obere Blatt »programm« und dann darunter: »Alles liegenlassen, bis Lila fort ist.« Dann riß er den Zettel vom Block ab, schob ihn vor den ersten Zettel der programm-Sektion und legte den Notizblock wieder in den hinteren Teil des Kastens. Er hatte herausgefunden, daß es gut war, einen programm-Zettel über das zu schreiben, was man gerade tat. Zu der Zeit, da man ihn schreibt, scheint er unnötig zu sein, aber später, wenn Unterbrechungen Unterbrechungen unterbrochen haben, die Unterbrechungen unterbrochen haben, ist man froh darüber.

Die krit-Zettel hatten ihn schon seit Monaten darauf hingewiesen, dusenberry zu entfernen, aber er hatte sich nie dazu entschließen können. Der Stapel war, offensichtlich aus sentimentalen Gründen, geblieben, wo er war. Er war freilich durch neue Zettel immer bedeutungsloser geworden und bildete jetzt das tote Ende des ramsch-Stapels.

Er nahm die ganze Sektion heraus. Die Zettel waren an den Rändern braun geworden, und auch die Tinte, auf dem ersten Zettel, war braun geworden.

Die Eintragung lautete: »Verne Dusenberry, Assoc. Prof., Engl. Dept., Montana State College. Gestorben an Gehirntumor 1966, Calgary, Alberta.«

Er hatte den Zettel wahrscheinlich angelegt, um sich an das Jahr zu erinnern.

 

 

38

3

Neunzehnsechsundsechzig. Mein Gott, wie schnell die Jahre vergangen waren.

Er fragte sich, welche Stellung Dusenberry jetzt wohl einnehmen würde, wenn er noch lebte. Keine bedeutende, wahrscheinlich. Es gab bereits Anzeichen, bevor er starb, daß es mit ihm bergab ging, daß er zu der Zeit, als Phaidros ihn kannte, seinen Höhepunkt überschritten hatte, damals in Bozeman, Montana, wo beide Mitglieder des englischen Fachbereichs waren.

Dusenberry war in Bozeman geboren und hatte am dortigen College sein Abschlußexamen abgelegt. Aber nach dreiundzwanzig Jahren als Fakultätsmitglied unterrichtete er nur Erstsemester im englischen Aufsatz – keine Literaturkurse, keine Essays für Fortgeschrittene. Vom akademischen Standpunkt aus war er schon lange auf dem vertrackt-Stapel gelandet, von denen sich die Fakultät am liebsten getrennt hätte, Es war allein die feste Anstellung, die ihn davor bewahrte, auf dem ramsch-Stapel zu enden. Gesellschaftlich verkehrte er kaum mit den anderen Mitgliedern der Fakultät, die sich mehr oder weniger von ihm distanziert hatten.

Phaidros war das damals seltsam vorgekommen, denn in seinen eigenen Gesprächen mit ihm war Dusenberry alles andere als ungesellig. Er machte manchmal einen ungeselligen Eindruck mit seinen hochgezogenen Augenbrauen und dem verkniffenen Mund, aber als Phaidros ihn näher kennenlernte, erwies sich Dusenberry fast als geschwätzig, in einer lebhaften, aufgeräumten, altjüngferlichen Weise. Etwas »tuntenhaft«, säuerlich und zum Lästern neigend. Und zuerst dachte Phaidros, das sei der Grund, weshalb sie ihn schnitten. In Montana galt es damals als schick, sich wie der Mann aus der Marlboro-Reklame zu gebärden, aber mit der Zeit erkannte Phaidros, daß das nicht wirklich der Grund war. Es war einfach Dusenberrys Exzentrizität. Im Lauf der Jahre können kleine exzentrische Unterschiede in einer kleinen Gemeinschaft zu großen Unterschieden werden, und das, was Dusenberry von seinen Kollegen absonderte, waren keine kleinen Unterschiede. Der größte Unterschied offenbarte sich in einer Bemerkung, die Phaidros mehrmals hörte, ein verächtliches: »Ach ja, Dusenberry … Dusenberry und seine Indianer.«

Wenn Dusenberry von den anderen Mitgliedern der Fakultät 39sprach, geschah es mit der gleichen Verachtung: »Ach ja, der englische Fachbereich.« Aber es war selten, daß er überhaupt von ihnen sprach. Das einzige, worüber er mit aufrichtiger Begeisterung sprach, waren Indianer, besonders die Rocky-Boys-Indianer, die Chippewa-Cree an der kanadischen Grenze, über die er seine Doktorarbeit in Anthropologie schrieb. Er machte keinen Hehl daraus, daß er die dreiundzwanzig Jahre, die er als Lehrer verbracht hatte, abgesehen von den einundzwanzig Jahren, in denen er die Freundschaft der Indianer gesucht hatte, als verlorene Zeit ansah.

Er war Berater für alle Indianer, die als Studenten am College waren – ein Posten, den er innehatte, solange man denken konnte. Die Studenten waren das Verbindungsglied. Er ließ es sich angelegen sein, ihre Familien kennenzulernen und sie zu besuchen und das dazu zu benutzen, in ihr Leben einzudringen. Soweit es möglich war, verbrachte er alle Wochenenden und Feiertage in den Reservaten, nahm an den Zeremonien ihrer Bewohner teil, machte Besorgungen für sie, fuhr ihre Kinder ins Krankenhaus, wenn sie krank waren, sprach mit den Behörden, wenn sie Schwierigkeiten hatten, und versenkte sich darüber hinaus völlig in die Lebensweise und die Persönlichkeiten und die Geheimnisse und Mysterien dieser Leute, die er hundertmal mehr liebte als seine eigenen.

Nach seiner Promotion wollte er den Englischunterricht aufgeben und statt dessen Anthropologie lehren. Man hätte meinen können, daß das eine gute Lösung für ihn sei, aber nach dem, was Phaidros hörte, war es das offenbar nicht. Er war nicht nur auf dem Gebiet des Englischen ein Exzentriker, er war auch ein Exzentriker auf dem Gebiet der Anthropologie.

Seine Exzentrizität bestand vor allem darin, daß er es ablehnte, »Objektivität« als Kriterium der anthropologischen Wissenschaft zu akzeptieren. Er glaubte nicht, daß Objektivität bei anthropologischen Studien irgendeinen Wert habe.

Das war, als ob man dem Papst irgendeinen Wert für die katholische Kirche abspräche. In der amerikanischen Anthropologie ist es die schlimmste Apostasie, die man sich vorstellen kann, und Dusenberry sollte das schnell genug erfahren. Alle amerikanischen Universitäten, an die er sich gewandt hatte, um seinen Doktorgrad 40zu erwerben, hatten ihm eine Ablehnung erteilt. Aber anstatt seine Meinung zu ändern, hatte er das ganze amerikanische Universitätssystem umgangen und sich an den Professor Ake Hultkranz in Uppsala gewandt, Schwedens älteste Universität, um dort seinen Doktor zu machen. Immer wenn Dusenberry darüber sprach, verzog sich sein Gesicht zu einem Lächeln, das an eine Katze erinnerte, die gerade einen Kanarienvogel verspeist hat. Ein Amerikaner, der in Schweden einen Doktorgrad in Anthropologie über amerikanische Indianer erwirbt? Es war grotesk.

»Das Problem beim objektiven Ansatz«, sagte Dusenberry, »ist, daß man dabei nichts erfährt … Die einzige Möglichkeit, etwas über Indianer herauszufinden, besteht darin, Anteil an ihnen zu nehmen und ihre Liebe und Achtung zu gewinnen … Dann tun sie fast alles für einen … Aber wenn nicht …« Er schüttelte den Kopf, und seine Gedanken begannen abzuschweifen.

»Ich habe gesehen, wie diese ›objektiven‹ Wissenschaftler in die Reservate gekommen sind«, sagte er, »und sie haben absolut nichts erreicht …«

»Es gibt diesen pseudo-wissenschaftlichen Mythos, daß man, wenn man ›objektiv‹ ist, gleichsam von der Oberfläche der Erde verschwindet und alles unverzerrt sieht, wie es wirklich ist, wie Gott es vom Himmel aus sieht. Aber das ist Quatsch. Wenn jemand objektiv ist, ist seine Haltung distanziert. Er kriegt dann so einen steinernen, weltabgewandten Gesichtsausdruck.«

»Die Indianer sehen das. Sie sehen es besser als wir. Und wenn sie es sehen, schätzen sie es nicht. Sie wissen nicht, wo zum Teufel diese ›objektiven‹ Anthros eigentlich stehen, und es macht sie argwöhnisch, und so verschließen sie sich, und man kriegt kein Wort aus ihnen heraus …«

»Oder sie erzählen einem irgendwelchen Unsinn … Den natürlich viele Anthros ihnen abnehmen, weil sie es ›objektiv‹ erfahren haben … Und die Indianer lachen sich hinter ihrem Rücken die Hucke voll.«

»Einige dieser Anthropologen haben sich auf ihrem Gebiet einen großen Namen gemacht«, sagte Dusenberry, »weil sie dieses ganze Kauderwelsch beherrschen. Aber sie wissen nicht so viel, wie sie zu wissen glauben. Und vor allem mögen sie keine Leute, die ihnen das unter die Nase reiben … Leute wie mich …« Er lachte.

41

»Das ist also der Grund, weshalb ich den Indianern gegenüber nicht objektiv bin«, sagte er. »Ich glaube an sie, und sie glauben an mich, und das ist der Unterschied. Sie haben mir Sachen erzählt, die sie, wie sie sagen, noch nie einem anderen Weißen erzählt haben, weil sie wissen, daß ich es nie gegen sie verwenden würde. Es ist eine völlig andere Art, mit ihnen umzugehen. Zuerst die Indianer, dann die Anthropologie …«

»Das setzt mir in vielerlei Hinsicht Grenzen. Es gibt soviel, das ich nicht sagen kann. Aber es ist besser, eine Menge zu wissen und wenig zu sagen, als wenig zu wissen und eine Menge zu sagen … Finden Sie nicht auch?«

Weil Phaidros neu in der englischen Fakultät war, nahm Dusenberry ein eigenartiges Interesse an ihm. Dusenberry war an allem interessiert, und je besser er Phaidros kennenlernte, desto mehr wuchs dieses Interesse. Hier war jemand, der zu Dusenberrys Überraschung dem Fakultätsbetrieb noch fremder gegenüberstand, jemand, der in Benares über hinduistische Philosophie gearbeitet hatte, du meine Güte, und etwas über die kulturellen Unterschiede wußte. Vor allem verstand Phaidros offensichtlich, analytisch zu denken.

»Das ist etwas, was ich nicht kann«, hatte Dusenberry gesagt. »Ich weiß alles über diese Leute, aber ich kann es nicht strukturieren. Ich kann einfach nicht so denken.«

Wann immer sich eine Gelegenheit dazu ergab, redete er also stundenlang mit Phaidros über amerikanische Indianer und hoffte, dafür von ihm so etwas wie eine allgemeine Struktur zu bekommen, ein Bild von dem, was alles das bedeutete. Phaidros hörte ihm zu, aber er hatte nie eine Antwort.

Dusenberry beschäftigte sich vor allem mit der Religion der Indianer. Sie sei es, meinte er, die es den Indianern so schwer mache, sich in die weiße Kultur zu integrieren. Er hatte bemerkt, daß die Stämme mit den strengsten religiösen Praktiken auch diejenigen waren, die nach den Standards der Weißen am »rückständigsten« waren, und er hoffte, daß Phaidros ihm eine theoretische Begründung dafür liefern könnte. Phaidros dachte, daß Dusenberry wahrscheinlich recht hatte, aber er konnte ihm keine theoretische Begründung geben und hielt die ganze These für etwas banal und akademisch. Im Laufe des nächsten Jahres versuchte Dusenberry 42nicht, diesen Eindruck zu korrigieren. Er redete weiter mit ihm über Indianer, ohne daß Phaidros irgendwelche Ideen beisteuerte. Aber dann, ein paar Monate bevor Phaidros Bozeman verließ, um einen anderen Lehrauftrag anzunehmen, sagte Dusenberry zu ihm: »Es gibt etwas, was ich Ihnen gerne zeigen würde.«

»Wo?« fragte Phaidros.

»Im nördlichen Cheyenne-Reservat, unten in Busby. Sind Sie schon mal da gewesen?«

»Nein«, sagte Phaidros.

»Nun ja. Es ist ein gottverlassener Ort, aber ich habe versprochen, einige Studenten mitzunehmen, und Sie sollten auch mitkommen. Ich möchte gern, daß Sie an einem Treffen der Native American Church teilnehmen. Die Studenten werden nicht dabei sein, aber Sie sollten es.«

»Wollen Sie mich bekehren?« fragte Phaidros spöttisch.

»Vielleicht«, sagte Dusenberry.

Dusenberry sagte, daß sie die ganze Nacht bis zum Sonnenaufgang in einem Wigwam verbringen würden. Wenn er wolle, könne Phaidros nach Mitternacht gehen, aber bis dahin dürfe niemand den Ort verlassen.

»Was machen wir die ganze Nacht?« fragte Phaidros.

»In der Mitte des Wigwams brennt ein Feuer, und es gibt bestimmte Zeremonien, die mit ihm in Zusammenhang stehen; dazu wird viel gesungen und getrommelt. Nicht viel gesprochen. Nach der Zeremonie gibt es am Morgen ein zeremonielles Mahl.«

Phaidros dachte darüber nach und willigte dann ein und fragte, was das für ein Mahl sei.

Dusenberry lächelte neckisch. Er sagte: »Früher wurden sie angehalten, das zu essen, was sie aßen, bevor der weiße Mann kam, Blaubeeren, Wildbret und all dieses Zeugs. Und was taten sie also? Sie kamen mit drei Dosen DelMonte-Mais an und öffneten die Dosen mit einem Dosenöffner. Ich sah mir das an, solange ich konnte. Schließlich sagte ich: ›Nein! Nein! Nein! Nicht Mais in Dosen‹, und sie lachten mich aus. Sie sagten: ›Typisch weißer Mann. Muß alles seine Ordnung haben.‹«

»Danach, die ganze Nacht hindurch, taten sie dann alles, wie ich es ihnen sagte, und sie hielten es für einen noch größeren 43Spaß, denn jetzt aßen sie nicht nur den Mais des weißen Mannes, sondern ließen sich von einem weißen Mann auch noch in ihren Zeremonien dreinreden. Und sie lachten mich aus. So etwas machen sie immer. Wir lieben uns einfach. Ich fühle mich einfach großartig, wenn ich da unten bin.«

»Was bezwecken sie damit, die ganze Nacht aufzubleiben?« fragte Phaidros.

Dusenberry blickte ihn bedeutungsvoll an. »Visionen«, sagte er.

»Durch das Feuer?«

»Sie nehmen etwas ein, durch das sie hervorgerufen werden. Eine Droge, die sie für heilig halten. Sie heißt Peyotl.«

Es war das erste Mal, daß Phaidros diesen Namen hörte. Das war noch, bevor Leary und Alpert berühmt wurden, vor dem Zeitalter der Hippies, Touristen und Blumenkinder, die dazu beitrugen, Peyotl und sein synthetisches Äquivalent, LSD, zu produzieren. Damals war Peyotl nur einigen Anthropologen und anderen Fachleuten, die sich mit Indianern beschäftigten, bekannt.

Im Karteikasten, hinter den Zetteln über Dusenberry, befand sich ein Stapel mit Zetteln, auf denen er verzeichnet hatte, wie die Indianer im späten 19. Jahrhundert Peyotl aus Mexiko herüberbrachten, es aßen, um eine Bewußtseinsveränderung herbeizuführen, die sie für eine Art religiöser Kommunion hielten. Dusenberry hatte darauf hingewiesen, daß die Indianer, die es verwendeten, Peyotl als Mittel ansahen, schneller und sicherer jenen Zustand zu erlangen, der bei der traditionellen »Suche nach Visionen« erreicht wird. Um dieser Visionen teilhaftig zu werden, begibt sich ein Indianer allein in die Abgeschiedenheit einer verschlossenen Hütte, fastet, betet und meditiert tagelang, bis sich ihm der Große Geist offenbart und von seinem Leben Besitz ergreift.

Auf einem dieser Zettel hatte Phaidros ein Zitat abgeschrieben, das auf die Ähnlichkeit der Peyotl-Erfahrung mit Beschreibungen jener Suche nach Visionen verwies. Danach erzeugte die Droge »eine leichte Benommenheit, einen Zustand des Wohlbehagens und eine geschärfte Aufmerksamkeit allen Wahrnehmungen, Empfindungen und inneren geistigen Vorgängen gegenüber.«

Es folgen Veränderungen der Wahrnehmung, die sich zunächst als lebhafte und spontane visuelle Vorstellungen manifestieren, um sich dann zu 44Illusionen und schließlich zu visuellen Halluzinationen zu entwickeln. Empfindungen vertiefen sich, variieren stark in ihren Inhalten und können Euphorie, Apathie, Heiterkeit oder Angst einschließen. Der Verstand beschäftigt sich mit der Analyse komplexer Realitäten oder transzendenter Fragen. Das Bewußtsein erweitert sich, um alle sich aufdrängenden Antworten gleichzeitig zu erfassen. In späteren Stadien, nach einer größeren Dosis eines Halluzinogens, erfährt die Person oft ein Gefühl der Einheit mit der Natur, das verbunden ist mit einer Auflösung der persönlichen Identität und einen Zustand der Seligkeit oder sogar der Ekstase erzeugt. Auch kann eine dissoziative Reaktion auftreten, bei der das Ich den Kontakt mit der unmittelbaren Realität verliert. Nicht selten glaubt das Individuum, den Körper zu verlassen, erfährt leuchtende Visionen oder meint, den unmittelbar bevorstehenden Tod zu spüren, was zu panischer Angst führen kann. Die gesamte Erfahrung wird bestimmt vom geistigen Zustand der Person, ihrer Persönlichkeitsstruktur, ihrem körperlichen Befinden und ihrem kulturellen Hintergrund.

Der Autor der Quelle, welcher Phaidros das Material entnommen hatte, gelangte zu dem Schluß, daß »die gegenwärtigen Forschungen und Diskussionen von politischen und gesellschaftlichen Fragen überschattet werden«, was für die Zeit seit den 60er Jahren zweifellos richtig ist. Ein Zettel vermerkte, daß Dusenberry gebeten worden war, vor dem Gericht von Montana als Zeuge auszusagen. Der Präsident des College hatte ihm nahegelegt, nichts zu sagen – vermutlich, um ein politisches Nachspiel zu vermeiden. Dusenberry hatte der Bitte nachgegeben und Phaidros gegenüber später sein Bedauern zum Ausdruck gebracht.

Nach den 60er Jahren wurde die ganze Peyotl-Geschichte zum Anlaß genommen, sich mit einer dieser sinnlosen politischen Grundsatzfragen über Freiheit auf der einen Seite und Demokratie auf der anderen auseinanderzusetzen. Offensichtlich hatten unschuldige Menschen durch LSD Halluzinationen bekommen, die zu ihrem Tode führten, und offensichtlich wollte die Mehrheit der Amerikaner, daß Drogen wie LSD verboten würden. Aber die Mehrheit der Amerikaner waren keine Indianer und sicherlich keine Angehörigen der Native American Church. So wurde eine religiöse Minderheit verfolgt – etwas, das in Amerika eigentlich nicht geschehen sollte.

45

Der Widerstand der Mehrheit gegenüber Peyotl spiegelte eine kulturelle Grundeinstellung wider, den wissenschaftlich nicht begründeten und durch keine historische Tatsachen belegten Glauben, daß »halluzinative« Erfahrungen automatisch schlecht seien. Da Halluzinationen eine Form der Geisteskrankheit sind, wird die Bezeichnung »Halluzinogene« in deutlich pejorativem Sinne verwendet. Wie die ersten Beschreibungen des Buddhismus als einer »heidnischen« und des Islam als einer »barbarischen« Religion fordert eine solche Bezeichnung einige metaphysische Fragen heraus. Die Indianer, die sie als Teil ihrer Zeremonien benutzen, könnten sie genausogut »De-Halluzinogene« nennen, da sie davon ausgehen, daß sie die Halluzinationen des gegenwärtigen Lebens beseitigen und die unter ihnen verborgene Wirklichkeit offenbaren.

Es gibt tatsächlich wissenschaftliche Erkenntnisse, die diesen Standpunkt untermauern. Experimente haben gezeigt, daß mit LSD gefütterte Spinnen nicht herumlaufen und sinnlose Dinge tun, wie man von Wesen erwarten könnte, die unter »Halluzinationen« leiden. Statt dessen spinnen sie außerordentlich vollkommene, symmetrische Netze. Das würde die »De-Halluzinogen«-These stützen. Aber Politiker gehen selten von Fakten aus, wenn sie ihre Entscheidungen treffen.

Hinter der Karteikarte für die »peyotl«-Zettel war eine andere Karte mit der Aufschrift »reservat«. Es gab über hundert »reservat«-Zettel, welche die Zeremonie beschrieben, der Dusenberry und Phaidros beigewohnt hatten – viel zu viele. Die meisten müßten ausgesondert werden. Er hatte sie angelegt, weil es zu einem gewissen Zeitpunkt so ausgesehen hatte, als ob das ganze Buch sich um diese lange nächtliche Zusammenkunft der Mitglieder der Native American Church aufbauen würde. Die Zeremonie sollte eine Art von Rückgrat bilden, das alles zusammenhielt. Von ihm ausgehend, wollte er in einzelnen Exkursen die komplexen Realitäten und transzendenten Fragen analysieren, die damals zum erstenmal in ihm aufgestiegen waren.

Der Ort ist, in einer Entfernung von etwa zweihundert Metern, von der U.S. 212 aus zu sehen; aber alles, was man sieht, sind aus Dachpappe zusammengenagelte Schuppen und umherstreunende Hunde und vielleicht ein ärmlich angezogener Indianer, 46der an einigen abgewrackten Autos vorbei über einen ausgetretenen Fußpfad geht. In lebhaftem Kontrast dazu erhebt sich mitten in dieser schäbigen Umgebung der saubere weiße Turm einer Missionskirche.

In einiger Entfernung von diesem Kirchturm befand sich ein (heute wahrscheinlich verschwundener) Wigwam, der aussah, als ob er als Touristenattraktion dort aufgestellt worden sei; dem stand freilich die Tatsache entgegen, daß man von der Straße nicht abbiegen konnte und es keine Reklametafeln oder Schilder in der Gegend gab, die etwas zum Verkauf anboten.

Die räumliche Entfernung von der Straße zu diesem Wigwam betrug etwa zweihundert Meter, doch die kulturelle Entfernung, die er an jenem Abend mit Dusenberry zurücklegte, erschien ihm wie Jahrtausende. Phaidros hätte diese Entfernung ohne Peyotl nicht überbrücken können. Er hätte einfach dagesessen und alles »objektiv beobachtet« wie ein gut ausgebildeter Anthropologe. Doch das Peyotl verhinderte das. Er beobachtete nicht, sondern nahm teil, wie Dusenberry es gewünscht hatte.

Von der Abenddämmerung, als das Peyotl herumgereicht wurde, bis Mitternach saß er am Zeremonienfeuer und starrte durch die Flammen die Gesichter der kreisförmig im Wigwam hockenden Indianer an, die ihm im wechselnden Licht und Schatten des Feuers zuerst bedrohlich erschienen waren. Diese Gesichter waren ihm mißgestaltet vorgekommen, hatten jenen unheimlichen Ausdruck, den er aus den Indianerbüchern seiner Kindheit kannte; dann verflog die Illusion, und sie erschienen ihm nur unergründlich.

Danach blätterten seine Gedanken einer nach dem anderen ab, wie es immer geschieht, wenn man sich einer neuen Situation anpaßt. »Was mache ich hier?« fragte er sich. »Ich möchte wissen, was zu Hause los ist … Wie soll ich es schaffen, die englischen Aufsätze bis Montag zu korrigieren …?« und so weiter. Doch die Gedanken verblaßten allmählich, und er überließ sich mehr und mehr der Aura des Ortes und dem, was er sah.

Nach Mitternacht, nachdem er Stunde um Stunde dem Gesang und dem Schlagen der Trommel gelauscht hatte, begann sich etwas zu verändern. Die exotischen Aspekte begannen zu verschwinden. Er war kein distanzierter Zuschauer mehr, sondern 47öffnete sich dem, was er wahrnahm. Er begann die Wärme der Gesänge zu spüren. Er sagte leise zu John Wooden Leg, dem Indianer, der neben ihm saß: »John, das ist großartig!«, und er meinte, was er sagte. John sah ihn überrascht an.

Auf überwältigende Weise änderte sich plötzlich etwas in seiner Einstellung dieser Musik und den Menschen gegenüber, die sie machten. Auch die Art, in der sie miteinander sprachen und Dinge handhabten und sich einander zuwendeten, traf tief in seinem Inneren, in Schichten, die selten positiv auf irgend etwas reagiert hatten, auf eine seltsame Resonanz.

Er wußte nicht, was es war. Hatte ihn das Peyotl einfach nur sentimental gemacht? Er glaubte es nicht. Es ging tiefer als Sentimentalität. Sentimentalität engt eine Erfahrung auf das gefühlsmäßig Vertraute ein. Aber dies war etwas Neues, das sich in ihm öffnete. Es war das genaue Gegenteil. Dieses Neue, das sich in ihm öffnete, erweckte in ihm ein Gefühl, wie man es kennt, wenn man an den Ort seiner Kindheit zurückkehrt und den Baum sieht, den man früher hochgeklettert ist, oder die Schaukel, auf der man gespielt hat. Ein Gefühl der Heimkehr. Heimkehr an einen Ort, den man noch nie zuvor gesehen hat.

Warum sollte er das Gefühl haben, heimzukehren? Dies war kaum ein Ort, zu dem man heimkehren möchte.

Er hatte nicht wirklich dieses Gefühl. Nur ein Teil von ihm fühlte sich hier heimisch. Der andere Teil fühlte sich noch immer fremd und analytisch und beobachtend. Es war, als ob er in zwei Personen gespalten sei, von denen die eine immer hier bleiben und die andere so schnell wie möglich verschwinden wollte. Die letztere verstand er, aber wer war die erste Person? Die erste Person war ihm ein Geheimnis.

Die erste Person mußte eine geheime Seite seiner Persönlichkeit sein, eine dunkle Seite, die selten zu hören war und sich anderen Menschen gegenüber nicht zeigte. Er ahnte, daß sie da war. Er dachte nur nicht gern an sie. Es war die Seite mit dem mürrischen, finsteren Aussehen, eine Seite, die sich nicht gern bevormunden ließ, die »es nie zu etwas gebracht hatte« und es nie zu etwas bringen würde, und er wußte das und war traurig darüber, aber er konnte es nicht ändern. Sie konnte nirgends glücklich sein, wollte aber immer irgendwohin.

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Diese ungezähmte Seite sagte zum erstenmal: »Hör auf zu suchen« und: »Dies sind die Menschen, die du gesucht hast.« Und das war es, was er zu begreifen begann, als er den Gesängen und den Trommeln lauschte und in das Feuer blickte. Diese Menschen schienen zu der »schlechten Seite seines Ichs« zu sagen: »Wir wissen genau, wie du dich fühlst. Wir fühlen uns ebenso.«

Die andere, die »gute«, analytische Seite beobachtete nur und begann nach kurzer Zeit ein riesiges, symmetrisches, intellektuelles Netz zu spinnen, größer und vollkommener, als sie es je gesponnen hatte.

Der Kern dieses intellektuellen Netzes war die Beobachtung, daß die Indianer, wenn sie den Wigwam betraten oder verließen, Holz aufs Feuer legten oder das Peyotl oder die Pfeife oder etwas zu essen herumreichten, alles dies einfach taten. Sie trafen keine Anstalten, etwas zu tun. Sie taten es einfach. Keine unnötigen Bewegungen. Wenn sie einen Zweig ins Feuer legten, um es auflodern zu lassen, legten sie ihn einfach hinein. Daran war nichts Zeremonielles. Sie waren an einer Zeremonie beteiligt, aber die Art, wie sie sie durchführten, hatte nichts Zeremonielles an sich.

Unter anderen Umständen hätte er all dem kaum eine Bedeutung beigemessen, aber jetzt, da das Peyotl ihm den Geist öffnete und seine Aufmerksamkeit auf nichts anderes gerichtet war, verfolgte er es mit größter Intensität.

Diese Unmittelbarkeit und Einfachheit bezog sich auch auf die Art, in der sie redeten. Sie sprachen, wie sie sich bewegten, völlig unzeremoniell. Was sie sagten, schien tief aus ihrem Inneren zu kommen. Sie sagten einfach das, was sie sagen wollten. Dann schwiegen sie. Es war nicht nur die Art, wie sie die Wörter aussprachen. Es war ihre Haltung – offen, dachte er.

Eine offene Sprache. Sie sprachen die Sprache der offenen Ebene, in der sie lebten, der Plains. Es war der reine amerikanische Plains-Dialekt, den er hier hörte. Es war nicht nur indianisch. Es war auch weiß. Es war der Akzent des Mittelwestens und Westens, den man in den Songs Woody Guthries und in Cowboy-Filmen hörte. Wenn Henry Fonda in den Früchten des Zorns auftritt oder Gary Cooper oder John Wayne oder Gene Autry oder Roy Rogers oder William S. Boyd in Hunderten anderer Westernfilme auftritt, reden sie so, nicht wie College-Professoren, sondern in 49der Sprache der offenen Ebene: lakonisch, untertrieben, ohne große tonale Veränderungen, ohne Veränderung des Ausdrucks. Doch unter der Oberfläche war eine Wärme, deren Quelle man nicht bezeichnen konnte.

Filme haben diesen Dialekt in der ganzen Welt so bekannt gemacht, daß er fast zu einem Klischee geworden ist; aber diese Indianer sprachen den Dialekt des amerikanischen Westens so unverfälscht, so echt wie jeder Cowboy. Ja, echter. Es war nichts, was sie angenommen hatten. Es war ein Teil von ihnen.

Das Netz weitete sich aus, als Phaidros über die Tatsache nachzudenken begann, daß es nicht die Muttersprache dieser Menschen war. Sie sprachen bei sich zu Hause kein Englisch. Wie kam es, daß diese linguistischen »Ausländer« den Plains-Dialekt des amerikanischen Englisch nicht nur so gut wie ihre weißen Nachbarn, sondern tatsächlich besser sprachen? Wie konnten sie ihn so perfekt nachahmen, wo doch der Verzicht auf alles Zeremonielle deutlich machte, daß sie nicht versuchten, irgend etwas nachzuahmen? Oder ahmten sie etwas nach?

Das Netz wurde immer größer. Sie ahmten nichts nach. Wenn es etwas gab, was diese Menschen nicht taten, dann war es nachahmen. Was sie sagten und taten, kam von Herzen, unmittelbar. Das war das Wesentliche – die Dinge auf einen Punkt zu bringen, wo alles unmittelbar, direkt, ohne Nachahmung geschieht. Aber wenn sie nichts nachahmten, warum sprachen sie dann so?

Dann kam die große Peyotl-Erleuchtung:

Sie waren die Urheber!

Die Idee weitete sich aus, bis er das Gefühl hatte, durch eine Kinoleinwand gegangen zu sein und zum erstenmal die Leute sah, die den Film von der anderen Seite projizierten.

Die meisten Zettel des Karteikastens, weit mehr als tausend, waren unmittelbar dieser ursprünglichen Erkenntnis entwachsen.

 

Unter ihnen befand sich die Abschrift einer Rede, die Ten Bears, ein Comanchen-Häuptling, im Jahre 1867 vor dem Medicine Lodge Council gehalten hatte. Phaidros hatte sie aus einem Buch über die Redekunst der Indianer abgeschrieben, als Beispiel einer Plains-Rede von jemandem, der sie unmöglich von den Weißen gelernt haben konnte. Jetzt las er sie wieder.

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Ten Bears sprach zu den versammelten Stämmen und besonders zu den Vertretern Washingtons und sagte:

»… Es gibt Dinge, die Ihr mir gesagt habt, die ich nicht schätze. Sie waren nicht süß wie Honig, sondern bitter wie Flaschenkürbisse. Ihr habt gesagt, daß Ihr uns in ein Reservat bringen wollt, daß Ihr uns Häuser bauen wollt und Medizin-Wigwams. Ich will sie nicht.

Ich wurde auf der Prairie geboren, über die der Wind wehte und wo nichts das Licht der Sonne brach. Ich wurde dort geboren, wo es keine Zäune gab und wo jeder frei atmete. Ich möchte dort sterben, nicht von Mauern umschlossen. Ich kenne jeden Fluß und jeden Baum zwischen dem Rio Grande und dem Arkansas. Ich habe in diesem Land gelebt. Ich habe gelebt wie meine Väter, und wie sie habe ich glücklich gelebt.

Als ich in Washington war, hat der Große Vater mir gesagt, daß das ganze Comanchen-Land uns gehört und niemand uns hindern darf, dort zu leben. Warum also verlangt ihr von uns, die Flüsse und die Sonne und den Wind zu verlassen und in Häusern zu leben? Verlangt nicht von uns, den Büffel für ein Schaf einzutauschen! Die jungen Männer haben davon gehört, und es hat sie traurig und zornig gemacht. Ich möchte weitertragen, was ich vom Großen Vater vernommen habe. Wenn ich Waren und Geschenke bekomme, freue ich mich mit meinem Volk, da sie zeigen, daß er uns nicht aus den Augen verloren hat. Wenn die Texaner sich aus meinem Land herausgehalten hätten, hätte Friede sein können. Aber das, was ihr uns jetzt anbietet, ist zu klein, um darauf leben zu können.

Die Texaner haben uns die Orte genommen, an denen das Gras am dichtesten wuchs und die Bäume am höchsten standen. Wenn wir es behalten hätten, hätten wir tun können, was ihr verlangt. Aber jetzt ist es zu spät. Der weiße Mann besitzt das Land, das wir liebten, und wir möchten nur durch die Prairie streifen, bis wir sterben. Alles, was du Gutes zu mir gesagt hast, werde ich nicht vergessen, und ich werde es in meinem Herzen tragen wie meine Kinder, und es wird so oft auf meiner Zunge sein wie der Name des Großen Geistes. Ich möchte auf meinem Land kein Blut, welches das Gras befleckt. Ich wünsche es mir klar und rein, so daß jeder, der mein Volk besucht, Frieden findet, wenn er kommt, und Frieden zurückläßt, wenn er wieder geht.«

Als Phaidros diese Worte jetzt wiederlas, sah er, daß sie den Reden der Cowboys nicht so ähnlich waren, wie er es in Erinnerung 51hatte – sie waren verdammt viel besser als Cowboy-Reden –, aber sie waren dem weißen Plains-Dialekt immer noch ähnlicher als der Redeweise der Europäer. Es waren einfache, offene, klare Sätze ohne stilistische Ornamente, doch mit einer dichterischen Kraft, vor der die gedrechselten, bürokratischen Ansprachen der Antagonisten Ten Bears verblaßten. Das war keine Nachahmung der verschnörkelten viktorianischen Rhetorik von 1867!

Über diese ursprüngliche Auffassung der Indianer als Urheber der amerikanischen Redeweise war er weit hinausgegangen: Die Indianer waren die Urheber der amerikanischen Lebensweise. Die amerikanische Persönlichkeit ist eine Mischung europäischer und indianischer Wertvorstellungen. Wenn man das erkannt hat, wird vieles klar, das bis dahin unklar war.

Phaidros' Problem bestand jetzt darin, alles dies in einem überzeugenden Buch zusammenzufassen. Es unterschied sich so radikal von der herkömmlichen Auffassung Amerikas, daß niemand ihm glauben würde. Man würde ihn für einen Schwätzer halten. Wenn er nur in Verallgemeinerungen sprach, hatte er verloren. Die Leute würden sagen: »Oh ja. Nun, eine dieser interessanten Ideen, die immer wieder auftauchen« oder: »Man kann nicht verallgemeinern, weil die Indianer alle verschieden sind« oder sich mit einem anderen Klischee achselzuckend abwenden.

Er hatte zunächst gedacht, er könne sich dem Thema indirekt nähern, indem er mit etwas sehr Konkretem und Spezifischem begann, etwa einem Cowboy-Film, den jeder kannte, beispielsweise Butch Cassidy and the Sundance Kid.

Es gibt am Anfang des Films eine Szene, in der alles in einem monochromen Braun erscheint, vermutlich, um eine Aura von Geschichtlichkeit und Folklore zu erzeugen. Sundance Kid sitzt am Pokertisch, und die Szene wird voll ausgespielt, um ihr dramatische Spannung zu geben. Man sieht nur Sundance Kids Gesicht. Der eine oder andere Spieler wird manchmal in einem Ausschnitt gezeigt, und gelegentlich steigt etwas Rauch vor Sundance Kids Gesicht auf. Es ist ausdruckslos, aber wachsam und beherrscht.

Die Stimme eines unsichtbaren Spielers sagt: »Sieht so aus, als ob du reinen Tisch gemacht hättest. Du hast nicht einmal verloren, seit du die Karten gibst.«

Nichts ändert sich in Sundance Kids Gesichtsausdruck.

52

»Woran liegt es, daß du soviel Glück hast?« fährt die Stimme des Spielers fort. Sie klingt drohend. Unheilverkündend.

Sundance schaut zu Boden, als ob er darüber nachdächte; dann blickt er, ohne eine Miene zu verziehen, auf. »Ich bete«, sagt er.

Er meint nicht, was er sagt, aber er sagt es auch nicht sarkastisch. Es ist eine Feststellung auf des Messers Schneide, zweideutig.

»Ich schlage vor, daß wir beide allein weiterspielen«, sagt der Spieler.

Ein Showdown steht unmittelbar bevor, das Klischee des Wilden Westens. Wir kennen es aus Hunderten von Filmen, die in Tausenden von Kinos und auf Millionen von Fernsehschirmen immer wieder zu sehen sind. Die Spannung wächst, aber Sundance Kids Ausdruck verändert sich nicht. Die Bewegungen seiner Augen, seine langen Pausen lassen die Atmosphäre, die er um sich erschafft, entspannt und harmonisch erscheinen, obgleich wir wissen, daß die Situation sich immer mehr zuspitzt und bald in Gewalt ausbrechen wird.

Was Phaidros im Sinn hatte, war, diese eine Szene als Ausgangsbild zu verwenden. Ihm wollte er nur eine Erklärung hinzufügen, auf die nie jemand kommt, von der er jedoch wußte, daß sie richtig war. »Was Sie hier gesehen haben«, wollte er sagen, »ist ein Ausdruck der Kultur und Lebensweise eines amerikanischen Indianers.«

Er wollte dann die bekannten typischen Merkmale des amerikanischen Indianers aufweisen: Verschwiegenheit, Zurückhaltung und eine gefährliche Bereitschaft zu plötzlichen heftigen Gewaltausbrüchen.

Das würde auf dramatische Weise anschaulich machen, was er sagen wollte. Wenn man nicht darauf aufmerksam gemacht wird, sieht man es nicht, aber wenn es einem bewußt ist, liegt es auf der Hand. Die Quelle der Werte, die Robert Redford anzapfte und auf die das amerikanische Publikum so überwältigend reagierte, ist das kulturell bedingte Verhaltensmuster des amerikanischen Indianers. Sogar Redfords Gesichtsfarbe in monochromem Sepia wurde der eines Indianers angepaßt.

Sicherlich war es nicht die Absicht des Films, die Indianer zu charakterisieren. Es kam »von selbst«, als man den Wilden Westen 53zeigte. Aber der Grund, so Phaidros' These, warum es »von selbst« kam und das Publikum »von selbst« darauf reagierte, war der, daß der Film ein elementares amerikanisches Gefühl für das berührte, was gut ist. Es ist dieses Gefühl, dieses historisch und kulturell bedingte amerikanische Wertsystem, das indianisch ist.

Wenn man alles auflistet, was europäische Beobachter als typisch für die weißen Amerikaner empfinden, wird man entdecken, daß ein Zusammenhang besteht zu dem, was weiße Amerikaner gewöhnlich den Indianern zuschreiben. Und wenn man weiter all die typischen Merkmale auflistet, die Amerikaner den Europäern zuschreiben, wird der Zusammenhang zu der Meinung sichtbar, die Indianer sich von weißen Amerikanern gebildet haben.

Um das zu beweisen, wollte Phaidros die Situation umkehren: Anstatt zu zeigen, wie sehr ein Cowboy einem Indianer ähnelt, wollte er zeigen, wie sehr ein Indianer einem Cowboy ähnelt. Dafür aber hatte er einen Passus exzerpiert, in dem der Anthropologe E. A. Hoebbel einen Cheyenne-Indianer beschreibt:

»Zurückhaltend und würdevoll … besitzt (der männliche Cheyenne) ein stabiles Selbstwertgefühl. Er spricht offen und frei, aber nie unüberlegt. Er hütet sich, die Gefühle anderer zu verletzen, und ist freundlich und großzügig. Er neigt nicht zu Jähzorn und bemüht sich, wenn er gereizt ist, seine Gefühle zu unterdrücken. Er jagt gern und schätzt das aktive Leben, das ihm im Krieg abverlangt wird. Seinen Feinden gegenüber ist er mitleidlos, ohne Schuldgefühle zu empfinden, und je aggressiver sie ihm entgegentreten, desto besser. Er ist bewandert in rituellen Kenntnissen. Er ist weder besonders unbeständig noch besonders beständig. In der Regel von ruhiger Gemütsart, besitzt er einen schwach entwickelten Sinn für Humor. Er verdrängt seine Sexualität und neigt zu Masochismus, doch dieser Masochismus findet Ausdruck in kulturell anerkannten Riten. Seine kreative Phantasie offenbart sich kaum je in künstlerischen Werken, statt dessen besitzt er einen ausgeprägten Realitätssinn. Er bewältigt die Probleme des täglichen Lebens mit vorgefaßten Meinungen, weist jedoch eine bemerkenswerte Fähigkeit auf, sich neuen Gegebenheiten anzupassen. Seine Art zu denken ist im hohen Grade rational, doch mystisch gefärbt. Er hat ein starkes Ich-Gefühl, das nicht leicht zu erschüttern ist. Sein Über-Ich, das sich sowohl in seinem ausgeprägten gesellschaftlichen Bewußtsein 54als auch in der Beherrschung seiner impulsiven Gefühle manifestiert, ist stark und dominierend. Er ist ›reif‹, gelassen und ausgeglichen, weiß sich seiner gesellschaftlichen Stellung sicher und ist imstande, enge gesellschaftliche Beziehungen aufzubauen. Er hat starke Ängste, die jedoch mit befriedigendem Erfolg in institutionalisierte Formen des Kollektivs kanalisiert werden. Er zeigt wenig neurotische Tendenzen.«

Wenn das keine Beschreibung von William S. Boyd ist, der in dreiundzwanzig oder fünfzig oder wer weiß wie vielen Filmen Hopalong Cassidy spielte, weiß ich nicht, wo ich eine solche Beschreibung finden kann. Mit der einzigen Ausnahme des »mystisch gefärbten« Denkens ist die Charakterisierung perfekt.

Ob der amerikanische Cowboy wirklich je wie William S. Boyd war, ist dabei unerheblich. Nicht jedoch, daß in den 30er Jahren, während der Weltwirtschaftskrise, die Amerikaner Millionen von Dollar zusammenscharrten, um sich seine Filme anzuschauen. Sie brauchten es nicht. Niemand hat sie gezwungen. Aber sie taten es trotzdem, genau wie sie später ihr Geld zusammenscharrten, um sich Butch Cassidy and the Sundance Kid anzuschauen.

Sie taten es, weil diese Filme eine Bestätigung der Werte waren, an die sie glaubten. Diese Filme waren Riten, fast religiöse Riten, um die Kulturwerte Amerikas den Jungen zu übermitteln und sie in den Alten zu bekräftigen. Es war kein bewußter Vorgang – die Leute taten nur, was sie tun wollten. Nur wenn man analysiert, was sie wollten, erkennt man die Assimilation indianischer Werte.

Auf anderen der Tausenden von Zetteln in Phaidros' Karteikästen wurde die Analyse fortgeführt. Viele Europäer halten die Amerikaner für unordentlich und schludrig, aber sie sind nicht annähernd so unordentlich wie die Indianer in ihren Reservaten. Europäer halten die weißen Amerikaner häufig für zu direkt und unverblümt, für ungehobelt und unverschämt in der Art, wie sie bestimmte Dinge erledigen, aber die Indianer sind noch direkter und unverschämter. Im Zweiten Weltkrieg vermerkten die Europäer, daß die amerikanischen Soldaten zuviel tranken und Unruhe stifteten, wenn sie betrunken waren. Die Parallele zu den Indianern ist offensichtlich. Aber andererseits schätzten die militärischen Führer den Kampfgeist amerikanischer Truppen im Gefecht als hoch ein, und auch das ist ein indianischer Charakterzug.

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Das ständige »Sag-das-noch-einmal-Lächeln«, das die Cowboy-Filme zu porträtieren lieben (und das Europäer verabscheuen), ist rein indianisch, abgesehen davon, daß es, wenn die Indianer so lächeln, nicht notwendigerweise als Drohung gemeint ist. Die Ursache dieses Lächelns liegt viel tiefer.

Indianer reden nicht, um die Zeit totzuschlagen. Wenn sie nichts zu sagen haben, sagen sie nichts. Wenn sie nichts sagen, erwecken sie leicht einen etwas bedrohlichen Eindruck. Angesichts dieses indianischen Schweigens werden die Weißen manchmal nervös und fühlen sich aus Höflichkeit oder Freundlichkeit genötigt, das Vakuum mit Small-talk auszufüllen, bei dem sie häufig das eine sagen und etwas anderes meinen. Aber dieses wohlerzogene Darumherumreden, wie es von den Aristokraten Europas gepflegt wurde, ist für den Indianer »doppelzüngig« und reizt ihn zum Widerstand. Es verletzt seine Moralauffassung. Er wünscht, daß man entweder das sagt, was man meint, oder den Mund hält. Das ist seit Jahrhunderten eine Quelle des Konflikts zwischen Indianern und Weißen, und obwohl die moderne weiße amerikanische Persönlichkeit diesen Konflikt auszugleichen sucht, besteht er weiterhin.

Bis zum heutigen Tag werden Amerikaner fälschlicherweise von den Europäern als »kindisch« angesehen, als naiv, unreif und zu Gewalt neigend, da sie sich nicht zu beherrschen wissen. Auch die Indianer werden so angesehen. Und bis zum heutigen Tag werden die weißen Amerikaner von den Indianern fälschlicherweise als eine Bande von Snobs angesehen, die einen für so blöde halten, daß man nicht sieht, was für Angeber sie sind. Derselbe Fehler wird in bezug auf die Europäer gemacht.

Die anti-snobistische Einstellung aller Amerikaner, besonders der des Westens, rührt von dieser indianischen Einschätzung her. Der Name der Cheyenne für den weißen Mann ist wihio; das bedeutet »Spinne«. Die Bezeichnung niatha der Arapaho meint dasselbe. Für die Indianer waren die Weißen Spinnen, wenn sie redeten. Sie saßen da und lächelten und sagten Dinge, die sie nicht meinten, und in der ganzen Zeit spann ihr Geist ein Netz um die Indianer. Sie verloren sich so in ihre netzspinnenden Gedanken, daß sie nicht einmal bemerkten, daß die Indianer sie beobachteten und sahen, was sie taten.

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Die amerikanische Politik des Isolationismus mit ihrer Weigerung, sich »in die Maschen der europäischen Politik« verstricken zu lassen, ist darauf zurückzuführen, dachte Phaidros. Die meisten Befürworter des amerikanischen Isolationismus kommen aus Regionen, in denen amerikanische Indianer leben.

Ein Zettel nach dem anderen befaßte sich mit den kulturellen Unterschieden zwischen Europäern und Indianern, und als die Zettel immer zahlreicher wurden, hatte sich eine zweite, die erste begleitende These herausgeschält – daß dieser Prozeß der Verbreitung und Aufnahme indianischer Wertvorstellungen noch nicht beendet ist. Er geht noch weiter und ist zu einem großen Teil verantwortlich für die Ruhelosigkeit und Unzufriedenheit, die heute in Amerika zu finden sind. In jedem Amerikaner wird dieser Konflikt widersprüchlicher Werte immer noch ausgetragen.

Dieser Konflikt, dachte Phaidros, erklärt, warum andere nicht schon lange gesehen hatten, was er bei der Peyotl-Zusammenkunft gesehen hatte. Wenn man charakteristische Merkmale und Einstellungen von einer feindlichen Kultur übernimmt, will man das in der Regel nicht wahrhaben. Wenn man einem Weißen aus Alabama sagt, daß sein Akzent auf die Sprache der Neger zurückzuführen ist, wird er es leugnen, obgleich die geographische Kongruenz des Südstaaten-Akzents mit großen Gebieten einer überwiegend schwarzen Bevölkerung offensichtlich ist. Und wenn man einem Weißen aus Montana, der in der Nähe eines Reservats lebt, sagt, daß er einem Indianer ähnelt, wird er es als Beleidigung empfinden. Und wenn man es ihm vor hundert Jahren gesagt hätte, wäre man nicht ungeschoren davongekommen. Damals waren Indianer Teufel! Der einzig gute Indianer war ein toter Indianer.

Doch ohne Zweifel leisteten die Indianer einen wesentlichen Beitrag zu den Wertvorstellungen, die sich an der Frontier entwickelten – dem sich während der Kolonisierung ständig nach Westen ausbreitenden amerikanischen Grenzland. Diese Wertvorstellungen konnten von nirgendwo anders kommen. Man hört oft von den »Frontier-Werten« reden, als ob sie aus den Felsen, den Flüssen oder den Bäumen der Frontier gekommen seien, aber Felsen, Flüsse und Bäume bilden keine sozialen Werte aus. Auch in Europa gibt es Felsen, Flüsse und Bäume.

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Es waren die Menschen, die zwischen den Felsen, Flüssen und Bäumen lebten, die jene Werte der Frontier schufen. Die frühen Frontier-Männer, wie die »Mountain Men«, ahmten begeistert die Indianer nach. Sie waren entzückt, wenn man ihnen sagte, daß sie von Indianern nicht zu unterscheiden seien. Die später kommenden Siedler imitierten den Frontier-Stil der Mountain Men, aber sie sahen nicht, woher er kam, und wenn sie es sahen, leugneten sie seine Herkunft und schrieben ihn ihrer Abgeschiedenheit und der harten Arbeit zu, die sie verrichteten.

Aber dieser Konflikt zwischen den Werten der Europäer und der Indianer besteht noch immer, und Phaidros empfand sich selbst als einen der Menschen, in denen dieser Kampf ausgetragen wird. Deswegen hatte er das Gefühl der »Heimkehr« bei jener Peyotl-Zusammenkunft. Die Spaltung, die er tief in seinem Inneren empfunden hatte und von der er gedacht hatte, daß sie auf etwas zurückzuführen sei, das gestört in diesem Inneren sei, war gar nicht in ihm. Was er sah, war ein Grund seines »Ichs«, der nie formell anerkannt worden war. Es war eine Spaltung innerhalb der gesamten amerikanischen Kultur, die er auf sich selbst projiziert hatte. Sie bestand auch in vielen anderen Menschen.

 

In einer der langen Reflexionen über dieses Thema tauchte der Name Mark Twain auf. Twain kam aus Hannibal, Missouri, vom Mississippi, der großen Wasserscheide zwischen dem amerikanischen Osten und dem Westen, und einer seiner bösesten Schurken war »Indianer-Joe«, der den Indianer verkörperte, den die Siedler damals am meisten fürchteten. Aber Twains Biographen hatten auch eine tiefe Spaltung in seiner eigenen Persönlichkeit bemerkt, welche die Wahl seiner Helden bestimmte. Auf der einen Seite stand ein ordentlicher, intelligenter, folgsamer, sauberer und verhältnismäßig verantwortungsbewußter Junge, den er Tom Sawyer nannte; auf der anderen Seite ein wilder, freiheitsliebender, unerzogener, verlogener, verantwortungsloser, aus unteren Gesellschaftsschichten stammender Amerikaner, den er Huckleberry Finn nannte.

Phaidros entdeckte, daß die Spaltung in Twains Persönlichkeit dem kulturellen Bruch entsprach, von dem er gesprochen hatte. Tom war eine Person des Ostens mit den Manieren eines Neuengländers, 58Europa viel näher verbunden als dem amerikanischen Westen; aber Huck war eine Person des Westens, den Indianern verwandt, stets rastlos, ungebunden, gleichgültig gegenüber den aufgeblasenen Forderungen der Gesellschaft, der mehr als alles andere nur frei sein wollte.

Freiheit. Das war der Begriff, der zum eigentlichen Verständnis der Indianer führte. Von all den Ansatzpunkten, mit denen seine Zettel sich dem Thema der Indianer zu nähern versuchten, war Freiheit der wichtigste. Von all den Beiträgen, die Amerika der Geschichte der Welt geleistet hatte, war die Idee der Befreiung aus einer gesellschaftlichen Hierarchie der größte gewesen. Für diese Idee hatte es im Unabhängigkeitskrieg gekämpft, und sie hatte es im Bürgerkrieg bestätigt. Bis zum heutigen Tage ist sie noch immer das mächtigste, verpflichtendste Ideal, das die ganze Nation zusammenhält.

Und doch, obwohl Jefferson diese Doktrin der gesellschaftlichen Gleichheit als »selbstverständlich« bezeichnet hat, ist sie alles andere als selbstverständlich. Selbstverständlich ist nur, daß das, was die Wissenschaft, und das, was die Geschichte als selbstverständlich auffaßt, einander widerspricht. Es ist nicht »selbstverständlich« in der europäischen Geschichte, daß alle Menschen gleich sind. Es gibt keine Nation in Europa, die ihre Geschichte nicht bis zu einer Zeit zurückverfolgen kann, in der es »selbstverständlich« war, daß alle Menschen ungleich sind. Jean Jacques Rousseau, dem diese Doktrin gelegentlich zugeschrieben wird, hat sie bestimmt nicht aus der Geschichte Europas oder Asiens oder Afrikas gewonnen. Er gewann sie aus dem Aufeinanderprallen der Neuen Welt mit der Europas und aus Reflexionen, die sich mit einem ganz bestimmten Individuum beschäftigten, das in der Neuen Welt lebte und das er den »Edlen Wilden« nannte.

Die Vorstellung, daß »alle Menschen gleich geschaffen sind«, verdankt die Welt dem amerikanischen Indianer. Europäer, die sich in Amerika niederließen, vermittelten sie nur weiter als eine Doktrin, die sie manchmal befolgten und manchmal nicht. Ihr wahrer Urheber war jemand, für den die gesellschaftliche Gleichheit nicht eine bloße Doktrin war, sondern dem diese Idee in Fleisch und Blut übergegangen war. Für ihn war es unbegreiflich, daß die Welt anders sein könnte. Für ihn gab es keine andere Art 59zu leben. Das war es, was Ten Bears seinen Zuhörern zu sagen versuchte.

Die Indianer, dachte Phaidros, haben diesen Kampf noch nicht verloren. Sie haben ihn auch noch nicht gewonnen; er ist noch nicht zu Ende. Er bildet den eigentlichen inneren Konflikt im heutigen Amerika. Eine Verwerfung, eine Bruchzone, die sich mitten durch die amerikanische Kulturlandschaft zieht. Dieser Konflikt hat von Anfang an die amerikanische Geschichte bestimmt und ist heute noch verantwortlich für die Stärke und die Schwäche der Nation. Und als Phaidros' Studien weiter gediehen, erkannte er, daß es dieser Konflikt zwischen europäischen und indianischen Wertvorstellungen, zwischen Freiheit und Ordnung war, auf den alles hinauslief.

 

 

4

Nachdem Phaidros Bozeman verlassen hatte, sah er Dusenberry nur noch zweimal wieder – einmal, als Dusenberry ihn besuchte und sich niederlegen mußte, weil er sich »so seltsam fühlte«, und das zweitemal in Calgary, Alberta, nachdem Dusenberry erfahren hatte, daß das »seltsame Gefühl« ein bösartiger Gehirntumor war und er nur noch einige Monate zu leben hatte. Danach zog er sich in seine Traurigkeit zurück, beschäftigt mit den Vorbereitungen auf seinen Tod.

Ein Teil dieser Traurigkeit erwuchs aus dem Gefühl, die Indianer enttäuscht zu haben. Er hatte soviel für sie tun wollen. Er hatte so viele Jahre ihre Gastfreundschaft genossen, und jetzt gab es nichts, womit er sich revanchieren konnte. Phaidros hatte das Gefühl, Dusenberry enttäuscht zu haben, als er ihm nicht half, sein Material zu analysieren; aber er steckte selbst in riesigen Schwierigkeiten und wußte nicht, wie er ihm helfen sollte, und jetzt war es zu spät.

Aber sechs Jahre später, nach der Veröffentlichung eines erfolgreichen Buchs, gab es die meisten dieser Schwierigkeiten nicht mehr. Als die Frage nach dem Thema für sein zweites Buch auftauchte, bestand für ihn nicht der mindeste Zweifel, was es sein würde. Phaidros hängte einen Wohnwagen an seinen alten Ford-Kleintransporter 60und fuhr wieder nach Montana, in die östlichen Ebenen, wo die Reservate lagen.

Zu dieser Zeit gab es die Metaphysik der Qualität noch nicht, auch keine Pläne dafür. Sein Buch hatte sich mit der Frage der Qualität beschäftigt. Jede weitere Diskussion würde den gleichen Effekt haben wie ein Anwalt, der, nachdem er die Jury für sich eingenommen hat, immer weiterredet, bis sie schließlich zu seinen Ungunsten entscheidet. Phaidros wollte jetzt über die Indianer sprechen. Es gab viel zu sagen.

Im Reservat sprach er mit den Indianern, die er kennengelernt hatte, als er mit Dusenberry da war, und hoffte, den Faden dort wiederaufnehmen zu können, wo Dusenberry ihn liegengelassen hatte. Als er ihnen sagte, daß er Dusenberrys Freund gewesen sei, pflegten sie zu sagen: »Oh ja. Dusenberry – er war ein guter Mensch.« Dann redeten sie noch eine Weile weiter, aber meist wurde das Gespräch dann schleppend und brach schließlich ab.

Er wußte nicht, was er sagen sollte. Oder wenn er es wußte, sagte er es so ungeschickt und befangen, daß es den Gesprächsfluß hemmte. Er besaß nicht die Gabe, sich über gleichgültige Dinge zu unterhalten, wie Dusenberry sie besessen hatte. Er war nicht der richtige Mann für diese Arbeit. Dusenberry konnte das ganze Wochenende dasitzen und mit ihnen über ihre Familien und ihre Freunde und alles das schwatzen, was sie für wichtig hielten, und er liebte es. Das war der eigentliche Grund, weswegen er sich mit Anthropologie beschäftigte. Das war seine Vorstellung von einem wunderbaren Wochenende. Aber Phaidros hatte es nie gelernt, Small-talk zu reden, und sobald er damit angefangen hatte, schweiften seine Gedanken ab in seine eigene Welt der Abstraktionen, und das Gespräch versiegte.

Wenn er einige Werke über Anthropologie läse, dachte er, würde er vielleicht besser wissen, was er die Indianer fragen könnte. So verabschiedete er sich für einige Zeit und fuhr von den warmen Ebenen hinauf in die Rocky Mountains, in die Nähe von Bozeman. Am dortigen College, das jetzt eine Universität war, nahm er die besten anthropologischen Werke, die er finden konnte, fuhr dann zu einem alten, abgelegenen Campingplatz, wo er sich zum Lesen einrichtete. Er hoffte, dort bleiben zu können, bis er das Exposé für ein Buch ausgearbeitet hätte.

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Es tat gut, wieder zurück zu sein, zwischen Bergkiefern und Wildblumen, im Wechsel kühler Nächte und heißer Tage. Er genoß das allmorgendliche Aufwachen in dem kalten Wohnwagen, bevor er die Heizung andrehte und sich aufmachte, eine Runde über den Bergpfad zu joggen. Wenn er zurückkehrte, um zu frühstücken und seinen Tee zu trinken, war der Wohnwagen durchgewärmt, und er verbrachte den Morgen mit Lesen und Aufzeichnungen.

Die Voraussetzungen, ein Buch zu schreiben, hätten nicht besser sein können; aber leider sollte es anders kommen. Was er in den anthropologischen Texten las, ließ ihn immer wieder stocken, bis er die Lektüre aufgab.

Phaidros sah, zunächst ungläubig, dann mit wachsendem Zorn, daß das ganze Gebiet der Anthropologie so abgesteckt und eingeteilt war, daß alles, was er über Indianer zu sagen hatte, völlig unakzeptabel war. Daran bestand kein Zweifel. Je mehr er las, um so deutlicher wurde ihm, daß er nicht weiterkam. Er hätte ein völlig ehrliches und wertvolles Buch über seinen Gegenstand schreiben können, aber wenn er es wagen sollte, es als anthropologisches Werk auszugeben, würde es entweder ignoriert oder von den Fachleuten verrissen werden.

Er erinnerte sich an Dusenberrys ablehnende und verbitterte Einstellung gegenüber dem, was er die »objektive Anthropologie« nannte; aber er hatte immer gedacht, daß Dusenberry nur ein Bilderstürmer gewesen sei. Keineswegs.

Die Fachleute würden sein Buch etwa folgendermaßen kritisieren:

»Eine solche Arbeit ist bunt und interessant, aber ohne empirische Untermauerung ist sie für die Anthropologie völlig wertlos. Die Anthropologie strebt danach, eine Wissenschaft zu sein, deren Forschungsobjekt der Mensch ist, nicht eine Sammlung von Anekdoten und Intuitionen über das, was der Mensch sein könnte. Es ist keine Anthropologie, wenn jemand ohne Ausbildung und Erfahrung eine Nacht in einem Wigwam mit Indianern verbringt, die Halluzinogene genommen haben. Die Behauptung, etwas entdeckt zu haben, das Hunderten sorgfältig ausgebildeter und methodisch arbeitender Wissenschaftler bei lebenslangen Feldforschungen entgangen ist, beweist eine gewisse ›Vertrauensseligkeit‹, welche die Disziplin der Anthropologie gerade zu unterbinden sucht.

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Es sollte nicht unerwähnt bleiben, daß solche Arbeiten keineswegs unüblich sind. Tatsächlich herrschten sie in den Anfangsjahren der Anthropologie vor. Erst zu Beginn dieses Jahrhunderts, als Franz Boas und seine Mitarbeiter ernsthaft zu fragen begannen: ›Welches Material ist wissenschaftlich brauchbar und welches nicht?‹, wurde der von keinen Fakten gestützte, spekulative und intuitive Unsinn methodisch ausgemerzt.

Jeder Anthropologe gelangt einmal an einen Punkt, an dem er Spekulationen über die Kulturen anstellt, die er erforscht. Es ist Teil der Faszination, die sein Interesse an diesem Fachgebiet wachhält. Aber jeder Anthropologe wird geschult, diese Spekulationen für sich zu behalten, bis er, durch eine Untersuchung der tatsächlichen Fakten und Beweise, absolut sicher ist, daß er weiß, wovon er redet.«

Sehr eindrucksvoll. Rede erst einmal so, wie wir es für nötig erachten, und dann hören wir dir zu. Phaidros hatte es schon früher vernommen.

Das bedeutet immer, daß man gegen eine unsichtbare Mauer der Vorurteile gerannt ist. Niemand an der Innenseite der Mauer wird dir je zuhören – nicht, weil das, was du sagst, nicht richtig ist, sondern einzig und allein, weil du jemand bist, der sich außerhalb der Mauer befindet. Später, als seine Metaphysik der Qualität ausreifte, erfand er einen Namen für diese Mauer, um ihre integrale Bedeutung herauszustellen. Er nannte sie das »kulturelle Immunsystem«. Doch alles, was er jetzt sah, war, daß er mit dem, was er über die Indianer zu sagen hatte, immer wieder gegen diese Mauer lief. Wie sollte er, ohne akademische Ausbildung, je einen Beitrag zur Anthropologie leisten? Nur mit seinen verrückten Ideen? Das einzige, was er tun konnte, war, einen sorgfältig vorbereiteten Angriff auf diese Mauer vorzutragen.

Im Wohnwagen las er immer weniger, dachte aber immer mehr über das Problem nach. Die Bücher, die überall auf den Sitzen und dem Fußboden und den Regalen lagen, waren für ihn wertlos. Viele der Anthropologen schienen intelligente, interessierte, liebenswerte Leute zu sein, aber sie alle befanden sich innerhalb der Mauer des anthropologischen Immunsystems. Er sah, daß einige sich bemühten, an die andere Seite der Mauer zu gelangen, aber innerhalb der Mauer gab es keine intellektuellen Werkzeuge, die es ihnen erlaubt hätten, diese Mauer zu überwinden.

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Als er weiter darüber nachdachte, erkannte er, daß alle Wege hinter der Mauer zu Franz Boas führten, der 1899 den ersten Lehrstuhl für Anthropologie an der Columbia University eingenommen und einen solchen Einfluß auf seinem Gebiet ausgeübt hatte, daß die meisten der amerikanischen Anthropologen noch heute in seinem Schatten stehen. Forscher, die in seinem Sinne arbeiteten, wurden berühmt: Margaret Mead, Ruth Benedict, Robert Lowie, Edward Sapir, Alfred Kroeber, Paul Radin und andere. Sie ließen die anthropologische Literatur so reich und gewaltig aufblühen, daß ihre Werke oft fälschlicherweise mit der gesamten Kulturanthropologie identifiziert werden. Der Ansatzpunkt, die Mauer zu durchbrechen, lag darin, die philosophische Grundeinstellung Boas' selbst zu überprüfen.

Der wissenschaftliche Hintergrund Boas' waren Mathematik und Physik, wie sie im 19. Jahrhundert in Deutschland gelehrt wurden. Seine Wirkung lag nicht darin, daß er eine besondere Theorie der Anthropologie aufgestellt hätte, sondern darin, daß er eine anthropologische Untersuchungsmethode entwickelt hatte. Diese Methode folgte den Prinzipien der »exakten« Wissenschaften, in denen er geschult worden war.

Margaret Mead sagte: »Er haßte voreilige Verallgemeinerungen wie die Pest und warnte uns ständig davor.« Verallgemeinerungen sollten auf Fakten, auf nichts als Fakten beruhen.

»Es steht außer Frage, daß die Wissenschaft seine Religion war«, sagte Kroeber. »Er nannte seine ersten Überzeugungen materialistisch. Wissenschaft konnte keine ›Subjektivität‹ dulden: Werturteile – selbst Urteile über Werte, die als Phänomene angesehen wurden – waren absolut verpönt.«

Auf einem Zettel unter der Überschrift »Goldschmidt« zitierte Phaidros die Feststellung: »Diesen Empirismus, dieses Interesse für Fakten, für Einzelheiten, für Aufzeichnungen übermittelte Boas seinen Studenten und der Anthropologie. Das alles bildet ein so wichtiges Element im anthropologischen Denken, daß der Ausdruck ›Schreibtisch-Anthropologie‹ zu einem Schimpfwort geworden ist, und noch heute, zwei Generationen später, bestehen wir darauf, daß Feldarbeit das einzige Instrument ist, das anthropologische Kompetenz beanspruchen kann.«

Als Phaidros die Literatur über Boas durchgelesen hatte, war er 64sicher, die Quelle des Immunsystems identifiziert zu haben, jenes Immunsystems, das Dusenberrys Idee abgestoßen hatte. Es war das klassische Wissenschaftsdenken des 19. Jahrhunderts mit seiner Überzeugung, daß Wissenschaft nur eine Methode sei, darüber zu entscheiden, was richtig ist, und nicht selbst eine Sache des Glaubens. Neben der Boas' hat es viele anthropologische Schulen gegeben, aber Phaidros konnte keine finden, die ihm in seinem Anspruch auf wissenschaftliche Objektivität widersprochen hätte.

Als er weiterlas, sah Phaidros immer klarer, wie negativ sich diese Anwendung viktorianischer Wissenschaftsmethodik auf die Kulturanthropologie ausgewirkt hatte. Indem Boas die Kriterien der Physik auf die Kulturanthropologie übertrug, hatte er gezeigt, daß die Theorien der Schreibtisch-Anthropologen nicht von der Wissenschaft gestützt wurden, ja, daß überhaupt keine anthropologische Theorie von der Wissenschaft gestützt wurde, da sie sich nicht durch die strengen Methoden der Physik – Boas' eigentlichem Fachgebiet – beweisen ließ. Boas schien zu glauben, daß eines Tages eine solche Theorie aus den Fakten auftauchen würde, aber seitdem ist fast ein Jahrhundert vergangen, und sie ist immer noch nicht aufgetaucht. Nach Phaidros' Überzeugung würde sie auch nie auftauchen. Kulturelle Manifestationen folgen nicht den Gesetzen der Physik. Wie kann man mit den Gesetzen der Physik erklären, daß innerhalb einer Kultur eine bestimmte Einstellung vorherrscht? Was für eine Einstellung ist das, wenn man sie mit Begriffen zu erklären sucht, die für die Gesetze molekularer Interaktion gelten? Was ist ein Kulturwert? Wie kann man wissenschaftlich beweisen, daß eine Kultur bestimmte Werte hat?

Man kann es nicht.

Die Wissenschaft kennt keine Werte. Nicht offiziell. Das ganze Gebiet der Anthropologie war so abgesteckt und aufgeteilt, daß niemand etwas Allgemeines über irgend etwas beweisen konnte. Was man auch sagte, es konnte von jedem x-beliebigen Narren mit der Begründung ad absurdum geführt werden, daß es nicht wissenschaftlich sei.

Was an Theorien da war, wurde von erbitterten Auseinandersetzungen über Unterschiede gekennzeichnet, die alles andere als anthropologisch waren. Es gab fast nie Auseinandersetzungen 65über die Genauigkeit der Beobachtung. Es gab Auseinandersetzungen über abstrakte Bedeutungen. Es schien manchmal, als ob im Augenblick, da jemand sich in irgendeiner Weise theoretisch äußerte, ein gewaltiger Luftkampf über Unterschiede entbrannte, die sich mit den Mitteln der Anthropologie gar nicht klären ließen.

Das ganze Gebiet ähnelte einer verstopften Autobahn, auf der wütende Fahrer einander beschimpften und sich darüber beschwerten, daß sie nicht weiterkamen, wo doch das eigentliche Problem die Autobahn selber war. Die Autobahn war als wissenschaftlich objektives Studium des Menschen so angelegt worden, daß sie sich nicht von den Naturwissenschaften unterschied. Das Problem war, daß der Mensch sich nicht in dieser Weise als wissenschaftliches Studienobjekt eignet. Von wissenschaftlichen Studienobjekten erwartet man, daß sie sich still verhalten. Man erwartet von ihnen, daß sie den Gesetzen von Ursache und Wirkung folgen, dergestalt, daß eine gegebene Ursache eine gegebene Wirkung zeitigt, immer wieder. Der Mensch tut das nicht. Nicht einmal Wilde.

Das Ergebnis ist ein theoretisches Chaos.

Phaidros schätzte eine Beschreibung, die er in einem Buch mit dem Titel »Theory in Anthropology« von Robert Manners und David Kaplan von der Brandeis University gelesen hatte: »In der ganzen anthropologischen Literatur«, schrieben sie, »finden sich Andeutungen, Einblicke, Hypothesen und Verallgemeinerungen. Sie bleiben oft flüchtig, unausgeformt und beziehungslos, so daß sie nicht selten überlesen werden oder in Vergessenheit geraten. Jede Generation von Anthropologen neigt dazu, von vorn anzufangen.«

»Das Aufstellen von Theorien in der Kulturanthropologie ähnelt immer mehr der Waldbrandwirtschaft«, sagten sie, »bei der die Eingeborenen in unregelmäßigen Abständen zu den vom Busch überwachsenen Feldern zurückkehren, um sie abermals abzubrennen und für ein paar Jahre neu zu bepflanzen.«

Phaidros sah diese Brandrodung, wohin er auch blickte. Einige Anthropologen behaupteten, eine Kultur sei das A und O der Anthropologie. Einige behaupteten, es gäbe überhaupt nicht so etwas wie eine Kultur. Einige behaupteten, es sei alles Geschichte, einige, es sei alles Struktur. Einige behaupteten, es sei alles Funktion. 66Einige behaupteten, es seien alles Werte. Einige, die Boas' wissenschaftlichem Purismus folgten, behaupteten, es gäbe gar keine Werte.

Die Vorstellung, daß die Anthropologie keine Werte habe, merkte sich Phaidros im Geiste als »Stelle« vor. Das war der Punkt, an dem die Mauer durchbrochen werden konnte. Keine Werte, eh? Keine Qualität? Das war der Punkt, an dem er seinen Angriff ansetzen konnte.

Viele versuchten offensichtlich, diesen ganzen metaphysischen Auseinandersetzungen dadurch aus dem Wege zu gehen, daß sie alle Theorien verdammten, daß sie sich darauf einigten, nicht einmal über so theoretische, reduktionistische Sachen wie die Frage, was Wilde im allgemeinen tun, zu reden. Sie beschränkten sich auf das, was ihr Wilder am Mittwoch tat. Das war wissenschaftlich in Ordnung – und wissenschaftlich wertlos.

Der Anthropologe Marshall Salins schreibt: »Der Ausdruck ›universal‹ hat auf diesem Gebiet einen negativen Klang, da er ein Bemühen um Verallgemeinerung zu erkennen gibt, das besonders von der amerikanischen Anthropologie des 20. Jahrhunderts als unwissenschaftlich gebrandmarkt worden ist.«

Wie Phaidros vermutete, glaubten die Anthropologen wohl, auf diese Weise ihr Gebiet »wissenschaftlich sauber« zu halten; aber diese Sauberkeit war so steril, daß sie alles im Keime erstickte. Wenn man aus Daten keine verallgemeinernden Schlußfolgerungen ziehen kann, sind sie zu nichts gut.

Eine Wissenschaft ohne Verallgemeinerung ist überhaupt keine Wissenschaft. Man stelle sich vor, jemand habe zu Einstein gesagt: »Sie können nicht behaupten: ›E=mc2‹. Das ist zu allgemein, zu reduktionistisch. Wir wollen Fakten in der Physik, nicht diese hochgestochenen Theorien.« Meschugge. Doch genau das geschieht in der Anthropologie.

Daten ohne Verallgemeinerungen sind leeres Geschwätz. Und je mehr Phaidros las, desto mehr schien das auch auf das zuzutreffen, was er las. Es füllte die Regale mit seinen staubigen Bänden über diesen Wilden und jenen Wilden, aber soweit er sehen konnte, hatte die Anthropologie, die »Wissenschaft vom Menschen«, fast keinen Einfluß auf die Aktivitäten des Menschen in diesem wissenschaftsgläubigen Jahrhundert.

67

Was für eine Wissenschaft! Sie versuchte sich an ihren eigenen Haaren aus dem Sumpf zu ziehen. Man kann nicht eine Schachtel »A« eine Schachtel »B« enthalten lassen, die wiederum die Schachtel »A« enthält. Das ist idiotisch. Doch hier ist eine »Wissenschaft«, die den »Menschen« enthält, der die »Wissenschaft« enthält, die den »Menschen« enthält, der die »Wissenschaft« enthält – und so weiter.

Er verließ die Berge in der Nähe von Bozeman mit Kästen voller Zettel und vielen Notizbüchern voller Zitate und dem Gefühl, daß es nichts in der Anthropologie gab, mit dem er etwas anfangen konnte.

 

Als er wieder unten in der Ebene war und eines Abends in einem Motel nichts zu lesen hatte, hatte Phaidros ein altes, mit Eselsohren versehenes Magazin aus den Nordstaaten gefunden, es durchgeblättert und einen kurzen Artikel von Cathie Slater Spence mit der Überschrift »Ein Aprilscherz« entdeckt.

In dem Artikel ging es um ein Wunderkind, das möglicherweise den höchsten Intelligenzquotienten hatte, der je bei einem Menschen festgestellt wurde, ohne es in seinem späteren Leben zu irgend etwas zu bringen. »Der am 1. April 1898 geborene William James Sidis«, hieß es, »konnte fünf Sprachen sprechen und im Alter von fünf Jahren Plato im Original lesen. Mit acht bestand er die Aufnahmeprüfung für Harvard, mußte aber noch drei Jahre warten, ehe er zugelassen wurde. Doch auch so wurde er der jüngste Harvard-Student und machte im Alter von 15 Jahren sein Abschlußexamen cum laude. Mehrmals in ›Ripley's Believe It or Not‹ erwähnt, stand Sidis neunzehnmal auf der Titelseite der New York Times.«

»Aber nachdem er Harvard verlassen hatte, verfolgte der ›Wunderknabe‹ seine eigenen obskuren und offensichtlich sinnlosen Interessen. Die Presse, die ihn zum Helden gemacht hatte, ließ ihn fallen. Ein vernichtender Artikel erschien 1939 im New Yorker. Unter der Überschrift ›April! April!‹ machte sich das Magazin über Sidis lustig und gab alles an ihm, von seinen Hobbys bis zu seinen körperlichen Merkmalen, der Lächerlichkeit preis. Sidis strengte eine Klage wegen Verleumdung und Verletzung der Privatsphäre an. Obgleich ihm eine kleine Entschädigung 68wegen Verleumdung zugesprochen wurde, lehnte der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten in einer aufsehenerregenden Entscheidung die Klage wegen Verletzung der Privatsphäre ab. ›Der Artikel seziert schonungslos das persönliche Leben des Klägers‹, räumte das Gericht ein, aber Sidis war ›eine Person des öffentlichen Lebens‹ und konnte daher keinen Schutz vor dem vorrangigen Interesse der Presse beanspruchen, die bis zu seinem Tode im Jahre 1944 weiter Jagd auf ihn machte. In Nachrufen wurde er als ›ungeheurer Versager‹ und als ›ausgebranntes Genie‹ bezeichnet.

Dan Mahony aus Ipswich, Massachusetts, las 1976 über Sidis und war erstaunt. ›Was hat er die Jahre über gemacht und gedacht?‹ fragte sich Mahony. ›Es stimmt, daß er nur schlecht bezahlte Arbeiten verrichtete, aber Einstein trat mit seiner Relativitätstheorie an die Öffentlichkeit, als er in einem Patentamt arbeitete. Nach meinem Gefühl war mehr an Sidis dran, als die meisten Leute dachten.‹

Mahony hat die letzten zehn Jahre damit verbracht, die Schriften Sidis' zu studieren. Auf einem staubigen Dachboden fand er ein umfangreiches Manuskript mit dem Titel Die Stämme und die Staaten, in denen Sidis überzeugend nachweist, daß das politische System Neuenglands entscheidend von der demokratischen Föderation der Penacook-Indianer beeinflußt wurde.«

Bei diesem Satz zuckte Phaidros zusammen, aber der Artikel fuhr fort: »Als Mahony Sidis' Buch Das Beseelte und das Unbeseelte einem anderen exzentrischen Genie, Buckminster Fuller, zuschickte, bezeichnete Fuller es als ›eine schöne kosmologische Abhandlung‹, die erstaunlicherweise die Existenz schwarzer Löcher vorhersagte – im Jahre 1925!«

»Mahony hat einen Science-fiction-Roman, ökonomische und politische Schriften sowie 89 wöchentliche Kolumnen über Boston ausgegraben, die Sidis unter einem Pseudonym veröffentlichte. ›Das Erstaunliche dabei ist, daß das vielleicht nur ein Bruchteil von dem ist, was Sidis geschrieben hat‹, sagt Mahony. ›So haben wir zum Beispiel nur eine einzige Seite von einem Manuskript gefunden, das er Die Friedenspfade nannte, und Leute, die Sidis gekannt haben, versichern, daß sie eine Menge weiterer Manuskripte gesehen haben. Ich glaube, daß Sidis noch für manche Überraschung gut ist‹.«

69

Phaidros legte das Magazin nieder und hatte ein Gefühl, als ob jemand einen Stein durch das Fenster des Motels geworfen habe. Dann las er, fast benommen, den Artikel immer wieder, während das, was er las, immer tiefer in ihn eindrang. In dieser Nacht konnte er kaum schlafen.

Es schien, als ob Sidis damals in den 30er Jahren genau die gleiche These über die Indianer aufgestellt hatte wie er. Sidis hatte versucht, den Menschen etwas über ihr Land mitzuteilen, was zu dem Bedeutendsten gehörte, das sich überhaupt mitteilen ließ, und sie hatten sich dadurch bei ihm bedankt, daß sie ihn einen »Narren« nannten und sich weigerten, das zu veröffentlichen, was er geschrieben hatte. Es schien nicht einmal mehr möglich zu sein herauszufinden, was Sidis eigentlich gesagt hatte.

Phaidros versuchte, Verbindung mit jenem Mahony aufzunehmen, der in dem Artikel erwähnt war, doch er konnte ihn nicht ausfindig machen – vielleicht deswegen nicht, dachte er, weil er sich nicht genug darum bemühte. Er wußte, daß er, selbst wenn ihm Sidis' Material zugänglich gemacht würde, kaum etwas tun konnte. Das Problem bestand nicht darin, daß es nicht wahr war. Es bestand darin, daß niemand daran interessiert war.

 

 

5

Es begann wieder kalt zu werden, und Phaidros stand auf und warf ein paar Holzkohlebriketts in den Ofen.

Nach jener deprimierenden Erfahrung in den Bergen hatte er den Wunsch gehabt, die ganze Geschichte aufzugeben und sich etwas Nützlicherem zuzuwenden; aber wie sich herausstellte, hatte es sich nur um einen vorübergehenden Rückschlag gehandelt, um ein Vorspiel, das eine wesentlich umfassendere und wichtigere Deutung der Indianer einleitete. Diesmal ging es nicht nur um die Frage Indianer gegen Weiße, abgehandelt im Rahmen einer weißen Anthropologie. Es ging um Weiße und eine weiße Anthropologie gegen Indianer und eine »Indianer-Anthropologie«, abgehandelt in einem Rahmen, der alles sprengte, was man sich bis dahin vorstellen konnte. Er wollte dadurch aus der Sackgasse herauskommen, daß er den Rahmen erweiterte.

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Das Schlüsselwort hieß »Werte«. Das war der schwächste Punkt in der Mauer der Immunität gegenüber neuen Ideen, welche die Anthropologen um sich herum errichtet hatten. Wert war ein Begriff, den sie immer wieder verwendeten, aber nach Boas' Wissenschaftsauffassung gibt es gar keinen Wert.

Und Phaidros wußte etwas über Werte. Bevor er in die Berge gezogen war, hatte er ein ganzes Buch über Werte geschrieben. Qualität. Qualität war Wert. Beide waren identisch. Werte waren nicht nur der schwächste Punkt in jener Mauer; es gab auch keinen, der besser geeignet wäre als er, diesen Punkt anzugreifen.

Zu seiner Überraschung wurde er bei diesem Angriff von einem Schüler Boas', Alfred Kroeber, unterstützt, der mit dem Harvard-Anthropologen Clyde Kluckhohn dazu beigetragen hatte, Wertvorstellungen wieder in die Anthropologie einzuführen. Irgendwo hatte Kluckhohn gesagt: »Werte sind das einzige Fundament, von dem aus eine Kultur sich dem Verständnis erschließt, denn alle Kulturen organisieren sich vorwiegend nach ihren jeweiligen Wertvorstellungen. Das wird deutlich, wenn man versucht, das Bild einer Kultur zu vermitteln, ohne sich auf ihre Werte zu beziehen. Ein solches Bild wird zu einer bedeutungslosen Ansammlung von Fakten, die nur durch zufällige Koinzidenzen in Raum und Zeit miteinander in Beziehung stehen – einer Ansammlung, die ebensogut alphabetisch geordnet werden könnte: eine Wäscheliste.«

Kluckhohn räumte ein, »daß selbst Lippenbekenntnisse gegenüber Wertvorstellungen besonders von Anthropologen bis vor kurzem tunlichst vermieden wurden. Das ist vielleicht auf das natürliche Geschichtsverständnis zurückzuführen, das in unserer Wissenschaft vorherrscht, ob wir es wahrhaben wollen oder nicht.« Aber in Culture: a Critical Review of Concepts and Definitions sagten Kroeber und Kluckhohn, »daß Kultur das systematische Studium von Werten und Wertsystemen als beschreibbare und vergleichbare Naturphänomene einschließen muß.«

Sie wiesen darauf hin, daß die Abneigung gegenüber Werten aus dem Anspruch auf Objektivität erwachse. Es war dieselbe Objektivität, bemerkte Phaidros, die Dusenberry zu schaffen gemacht hatte. »Es ist diese subjektive Seite der Werte, die dazu führte, daß sie so lange als für eine naturwissenschaftliche Betrachtungsweise 71ungeeignet tabuisiert wurden«, sagten Kroeber und Kluckhohn. »Statt dessen relegierte man sie (die Werte) an eine besondere Disziplin, die man nach deutschem Vorbild die ›Geisteswissenschaften‹ nannte. Werte wurden für ewig erachtet, da sie gottgegeben oder göttlich inspiriert waren oder zumindest von jenem Teil der menschlichen Seele erfahren wurden, der – im Gegensatz zum menschlichen Körper und den Realitäten der Welt – an der Göttlichkeit teilhat. Eine neue und um ihren Bestand ringende Wissenschaft, im Vergleich zu Physik, Astronomie, Anatomie und den Rudimenten der Physiologie so wenig entwickelt wie die Wissenschaft des Westens vor zwei Jahrhunderten, überließ dieses abgelegene und fremde Territorium der Werte gern den Philosophen und Theologen und beschränkte sich auf das, was sie mechanistisch behandeln konnte.«

Kluckhohn räumte ein, daß Werte schlecht zu bestimmen sind und einer Vielfalt einander widersprechender Definitionen unterliegen, gab jedoch zu verstehen, daß verbale Definitionen der Werte für die Feldarbeit nicht nötig sind. Ob definiert oder nicht, sagte er, niemand zweifelt daran, daß sie tatsächlich vorhanden sind. Er versuchte, das Problem dadurch zu lösen, daß er in seinem Values Project jedem gestattete, Werte nach eigenem Gutdünken zu definieren – ein Verfahren, das freilich in der strengen Sozialwissenschaft unakzeptabel ist.

In seinem Values Project schilderte Kluckhohn die fünf benachbarten Kulturen des amerikanischen Südwestens so, wie sie von ihrem jeweiligen Nachbarn eingeschätzt werden, und gelangte dank dieser Methode zu einer brauchbaren Beschreibung dieser Kulturen. Aber als Phaidros andere Bücher las, entdeckte er, daß Werte, wie alle Allgemeinbegriffe in der Anthropologie, heftigen Angriffen ausgesetzt waren. Die Soziologen Judith Blake und Kingsley Davis äußerten sich darüber folgendermaßen:

»Solange die kulturellen Strukturen, Grundwerte, Sittenkodizes und dergleichen als Ausgangspunkt und bestimmende Determinante genommen werden, haben sie den Status unreflektierter Annahmen. Gerade die Fragen, die uns in die Lage versetzen würden, die Normen zu verstehen, werden gewöhnlich nicht gestellt, und bestimmte gesellschaftliche Fakten sind schwer, wenn überhaupt zu verstehen …«

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Sittenkodizes, Determinanten, Normen … Das war das Kauderwelsch der Soziologen, in das sie alles einpackten, was sie angreifen wollten. So weiß man, daß man in einer ummauerten Stadt ist, dachte Phaidros. Sie haben sich vom Rest der Welt abgeschnitten und reden miteinander in einer Sprache, die nur sie verstehen.

»Schlimmer noch«, fuhren sie fort, »die trügerische Leichtigkeit einer Erklärung in Normen- oder Wertbegriffen fördert die Gleichgültigkeit gegenüber methodologischen Problemen. Aufgrund ihres subjektiv-emotionalen und ethischen Charakters gehören Normen und besonders Werte zu den am schwierigsten zu identifizierenden Objekten der Welt. Sie sind ständig Anlaß wissenschaftlicher Auseinandersetzungen … Ein Forscher neigt dazu, das Bekannte durch das Unbekannte, das Spezifische durch das Unspezifische zu erklären. Seine Identifikation mit normativen Prinzipien ist oft so vage, daß sie universell anwendbar ist, d. h., alles und jedes läßt sich erklären. Wenn beispielsweise die Amerikaner einen großen Teil ihres Geldes für alkoholische Getränke, Theater- und Kinokarten, Tabak, Kosmetika und Schmuck ausgeben, ist die Erklärung einfach: Ihre Ideologie besteht darin, sich das Leben so angenehm wie möglich zu machen. Fehlende soziale Bindungen zwischen Negern und Weißen weisen andererseits auf ›rassistische‹ Wertvorstellungen hin. Ein zynischer Kritiker würde raten, die ›Kulturwerte‹ zur Erleichterung einer kausalen Deutung immer in gegensätzlichen Begriffspaaren zu beschreiben.«

»Explizite Definitionen, wenn sie denn gegeben werden, lassen den nebulösen Charakter der ›Werte‹ deutlich werden.« Blake und Davis sagten: »Dies ist zum Beispiel die Definition der ›Wertvorstellung‹ in einem 437-Seiten-Buch über Wertvorstellungen:

›Wertvorstellungen sind komplexe, doch entschieden (nach Rang) geordnete Prinzipien, wie sie sich aus dem transaktionalen Zusammenspiel der drei analytisch voneinander zu unterscheidenden Elemente des wertenden Prozeses ergeben – dem kognitiven, affektiven und direktiven Element –, die dem Strom menschlichen Handelns und Denkens bei seiner Lösung ›allgemein menschlicher‹ Probleme Richtung und Ordnung geben.‹«

Armer Kluckhohn, dachte Phaidros. Das war seine Definition. Mit so einer Formulierung konnte er nicht reüssieren.

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